Ob man das erkennen kann, weiß ich nicht. Früher wußte man es. Daß jemand „aus gutem Haus“, aus „besseren Verhältnissen“ stammt. In realistischen Romanen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts schlossen Autor und Leser ganz selbstverständlich vom Äußeren auf das Wesen eines Menschen. Hängende Schultern verrieten Mutlosigkeit, ein schwach ausgebildetes Kinn mangelnde Willensstärke. Wer den Blick nicht halten konnte, hatte etwas zu verbergen. Es gab plumpe Gestalten und solche von edlem Wuchs. Man traute seinen Augen. Das ist uns abhanden gekommen durch Mißbrauch. Sie jedenfalls, die ich gestern mit einem Einkaufswagen voller Pfandflaschen und Gerümpel durch die Gänge der U-Bahn schieben sah und die unmittelbar vor mir haltmachte und mich fragte, ob ich ein paar Cent erübrigen könne, stammt den Vorurteilen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts nach aus „gutbürgerlichen“ Verhältnissen. Sie hält sich noch, wie man früher sagte. Aufrechter Gang, der Mantel sauber, die Fellstiefel tadellos. Die schmutzigen Finger, braungelb, und die fahle Blässe des Gesichts verraten den Absturz, das Grau um die Augen, der ausgewischte Glanz, das Wegkippen des Blicks. Ist es ein bürgerliches Vorurteil, wenn ich über sie mehr nachdenke als über ihre grobe Gefährtin, die grölte und ein bißchen Rabatz machte? Ja, es ist eins. Das Bürgertum beansprucht Fallhöhe, es spürt die Tiefe.
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