Die geraubten Momente 5

Worin besteht die Gefahr dieses Ansturms der Bilder? Man spricht von einer Bilderflut, als könne man in bunten Bildern ertrinken. Und gab es nicht Theorien, die unserer Zivilisation eine Abkehr von der Schrift prophezeiten?

Vilém Flusser: „Wir sind ‚westliche Menschen‘, weil unsere ‚forma mentis‘ von der Linearität des alphanumerischen Codes ausgebildet wurde. Sollten unsere Kinder und Enkel die Welt und sich selbst mittels anders strukturierter Codes (etwa mittels technischer Bilder wie Fotos, Filme und Fernsehen, und mittels Digitalisation) erfahren, dann wären sie anders in der Welt, als wir es sind und als es unsere Vorfahren waren.“ (Krise der Linearität, Vortrag im Kunstmuseum Bern, 1988) Es wäre eine Rückkehr zu den Bildern, denn der schriftsprachliche Code hat seinen Ursprung in der Aneinanderreihung von Piktogrammen. Piktogramme sind stilisierte Bilder. „Man ging vom Bild zur Schrift“.

Durch die Bilder vermittelt sich ein anderer Sinn des Geschehens. „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“, besprachen wir gestern am Telephon. Es enthält aber nicht seine Deutung und übersetzt sich nicht in (schriftsprachliches) Denken. Was geschieht also, wenn wir uns Bilder und Filme zeigen, statt Geschichten zu erzählen? Wir gewinnen Anschaulichkeit und verlieren Vorstellungskraft und Abstraktionsvermögen. Wenn das Sichtbare das Entscheidende sein muß, geraten wir unweigerlich in eine andere Welt: in eine des Zeigens und Demonstrierens. Wir sind mittendrin.


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