Parolen streichen

Wenn ich Simenon empfehle, tue ich das auch deshalb, weil die Gegenwart durch griffige Parolen und holzschnittartige Zeichnungen bestimmt ist. Wo ich in den Qualitätsmedien lese, stoße ich auf Vereinfachungen, auf die primitive Gegenüberstellungen von Positionen – wobei die eine Haltung ausgezeichnet, die andere herabgesetzt zu werden verdient. Solch einfältige Schwarzweißmalerei fand ich früher nur in den journalistischen Produkten der radikaleren Linken oder Rechten oder Sekten. Lese ich die Entwicklung richtig, fühlt sich die Liberalität in Gefahr und agiert nun zusehens giftig. Das steht ihr nicht, und sie sollte sich schnellstmöglich auf ihre Stärke besinnen, die in Gelassenheit und der Distanz kritischer Beobachtung besteht – nicht in Parteinahme. Sonst wird Bürgerkriegslogik suggeriert. Wo die herrscht (man sollte sich hüten), verschwinden nach und nach die Zwischentöne. Wie die Späne richten sich die Einzelnen den Spannungspolen zu. Fortan wird es häßlich – übrigens auch dumm. Daß die Ismen wieder in Mode kommen, werte ich als übles Vorzeichen. Ich hoffe, sie erweisen sich als schwach. – Was also macht Simenon? Er betrachtet den einzelnen Menschen, beobachtet sein Verhalten, seziert es, legt seine Antriebe frei. Parolen gab es damals bereits genug. Menschen benutzen Parolen, wenn sie ihren Interessen dienen. Idealismus ist ein Vorurteil fein gebildeter Menschen. Woanders kann sich das niemand leisten. Wenn es hart auf hart kommt, werden wir niemanden mehr sehen, der liberal ist.


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