Wischen wir Corona kurzerhand beiseite. – Wann wurde Deutschland ein so lahmes und intellektuell impotentes Spießergebiet? Begann das wirklich mit der Alternativlosigkeit? Die hatte doch bereits Gerhard Schröder ins Gespräch gebracht. Und solche Leute, Postenträger und Exekutivpersonal, sind ja bestenfalls prominente Erscheinungsformen einer – fast muß man lachen – Entwicklung. Jedes Volk verdient die Regierung, die es hat – und benötigt sie so wohl auch. Sechzehn Jahre Kohl, ähnlich lange Angela Merkel – die ich ausdrücklich in Schutz nehme vor absurden Unterstellungen und Haßzuwendungen. Vermutlich wurden wir hier vergleichsweise gut „regiert“ und werden es noch. Ich könnte sogar Kohl in Schutz nehmen, käme jemand mit alternativen Ideen zur deutschen Einheit. Politik ist Realpolitik, nicht Traumtänzerei. – Meine Frage war aber die nach dem Spießergebiet. Wer nach dem Spießer fragt, fragt nach seinem Gegenteil. Ist ein Land vorstellbar, derzeit und nächster Jahre, das neben den anerkannten und auch vom Spießer gutgeheißenen Werten Wohlstand und Sicherheit, umflochten von Toleranz und Weltoffenheit, angereichert um Geschlechtergerechtigkeit, global gewappnet durch Klimaneutralität, in einzelnen seiner Teile wieder zu denken und sich zu äußern beginnt. Es muß kein Land sein – Länder können nichts, sie liegen so herum und lassen auf sich herumrennen. Manchmal sehne ich mich nach Paris, aber auch in Paris geschieht nichts. Oder doch? Wie steht es in London? Auch abgemurkst. Geld tötet. (Es erlaubt auch, aber das ist zu schön für jetzt.) Ich gönne den Spießern ihren Besitz. Ich möchte nur, daß wir uns zum Denken (sprechen ist handeln) versammeln – die, die es angeht. – Nein, ich vertraue nicht auf ein Wir.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.