Die mechanischen und bürokratischen Eingriffe in die Schriftsprache sind nicht nur häßlich, sie bewirken auch nichts. Ihnen fehlen Kraft und Schönheit. Daher ihr Anordnungscharakter. Wir haben eine Menge Erfahrung mit Sprachreformen, die letzte betraf (1996/2000) ein paar Rechtschreibregeln, wofür knapp zwanzig Jahre gearbeitet wurde, in einem Expertengremium von an die zwanzig Frau und Mann. Heraus kam eine Aufregung und andauernde Unsicherheit. Ihr Ertrag war nicht, daß Deutsch fortan leichter zu schreiben ist. Schreiben ist nicht leicht, man soll das nicht behaupten. Auch nicht verlangen, wie mir scheint. Fehler sind normal in einem System hoher Komplexität. Verringert man die Komplexität, entsteht recht schnell Trivialität. Ich schreibe hier, als sei ich ein Freak, daß mit ß, und warum tue ich das (nur noch Lettre International an meiner Seite) – weil ich es mag! Fluß, Gebiß, Schiß, schoß, Boß, Roß, Genuß. Diese und andere Wörter sind meine Heimat des Lesens und Schreibens, sie bedeuten mir etwas. An solcher Stelle soll aufscheinen dürfen, daß ich aus einer Bauernwelt stamme. Da gibt man nichts so schnell auf, erst recht nicht auf Anordnung. Ich bin in meiner Sprache mit den Jahren ein kleines bißchen (Bißchen) zuhause, ich übe sie täglich und versage oft. Gut, man will den Massen helfen. Wer aber sind die Massen, die Vielen? Und hilft es ihnen, wenn man die Sprache entfasziniert? Das Problem liegt doch ganz woanders. Wir hören nicht mehr auf die Worte und ihr Wissen, wir hören die Wörter nicht. Denn es soll schnell gehen und leicht sein. Warum eigentlich? Jemand aus der Duden-Etage schlug vor, nicht mehr von Lehrern zu reden, sondern von Lehrkräften. Wer sich so aber nennt, ist doch schon verloren. Ich bin eure Lehrkraft für die nächsten setz-was-ein Jahre. Girlanden, Arabesken, Perücken. Zum Rokoko-Charakter unserer Gegenwart demnächst mehr. Wir bauen an und fälschen um. Das interessiert mich. Natur ist Corona, ich verstehe.
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