Beim besten Willen

Zu einer Lehre der Einsamkeit wird es am Ende nicht reichen. Man hat mich nicht ausgesetzt, nicht weggesperrt, mir nicht den Briefverkehr untersagt. Ich stehe nicht unter Bewachung, leiste in keinem Arbeitslager Frondienste. Ich soll körperlichen Abstand halten, darin besteht meine Aufgabe als einer von Millionen in dieser Ansteckungsgemeinschaft namens Menschheit. – Puh, Menschheit … ein übertreibendes, Gefühle aufwallendes, Gemeinschaftlichkeit suggerierendes Großwort. Mir ist der einzelne lieber. Gruppen treiben in die Flucht. Früher spielte ich Fußball im Verein, da war ich Teil einer Mannschaft. Letzte Nacht im Traum spielten wir gegen Real Madrid. Ronaldo stand auf dem Platz, demnach war die Partie bereits historisch. Ich spielte im Mittelfeld, hatte einen schlechten Tag erwischt. Als ich angespielt wurde, konnte ich mich nicht rühren. Dabei sah ich doch, was zu tun ist. Der Stürmer startete bereits, die Lücke war da. Ich war wie gelähmt, schaffte einen halben Schritt, wollte den Ball annehmen und durch die Lücke spielen – aber es ging nicht. Ich weiß nicht, wie es ausging. Vermutlich wurde ich nach dieser Nichtaktion ausgewechselt. Für welche Mannschaft ich auf dem Platz war, weiß ich auch nachträglich nicht.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Beim besten Willen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert