Wir erleben derzeit eine typische Bürgerhysterie, eine Aufwallung von Erregungsenergie an beliebiger Stelle. Jemand oder etwas muß schuld sein. Aber woran denn? Daran, daß es noch nicht gut ist. Noch nicht gut ist. Nicht gut ist. Gut ist. Nun werden die Maßnahmenkataloge durchgesehen und die Impfstrategie befragt. Dritte Welle schlägt über uns zusammen – das werden wir nächster Tage lesen. Der Spiegel nimmt schon mal den Gesundheitsminister ins Visier, zielt aber in Größenwahn und journalistischer Selbstüberschätzung auf die Kanzlerin. Dieses verwöhnte Land zittert sich durch eine Krise, die um ein vielfaches schlimmer sein könnte – vermag das aber nicht zu erkennen. Es fehlt ein Relativ. Die Erzählungen der Alten sind verschollen oder wurden nicht zur Kenntnis genommen. Es kann dreckig kommen, und dem muß man geistig gewachsen sein. Wer aber bei jeder Maßnahme, die nicht gleich Wirkung zeigt, in die Knie geht und in ohnmachtsähnliche Zustände verfällt, braucht Beratung aus der Geschichte. Unsere Vorfahren haben viel erlebt und erlitten, und wir befinden uns lediglich in einer Krise, keinesfalls in einem Krieg. Wir können diskutieren, was uns Leben bedeutet und vor allem, wohin wir den Tod expedieren, da ihn nun kaum jemand wirklich wünscht. Dürfen wir hoffen, den Zeitpunkt unseres Todes selbst zu bestimmen? Ach ja, und wann konnte man das? Habe ich Anrecht auf meine statistisch zuerkannten Männerlebensjahre? Wie albern möchten wir denn noch werden, den Nachgeborenen zum Spott. Ja, den Wald ohne Wölfe, die Kanalisation ohne Ratten, den Frühling ohne Allergien, Sex ohne Gewalt, Krieg ohne Tote, Drogen ohne Rausch, Leben ohne Schmutz, Kaffee ohne Koffein, Bier ohne Alkohol, Alter ohne Falten, Kindheit ohne Kummer und nahezu unendlich langweilig weiter.
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