Die Entbundenen

Meditationen über den Zusammenhang von Leben und Tod sind mir von Kindheit an geläufig. Der Tod war von dunkler Majestät, das spürte das Kind, wenn jemand im Dorf gestorben war und er nacheinander auch die Großeltern aufsuchte und zu sich nahm. Die Witwen trugen damals – so lang ist das her – mindestens für ein halbes Jahr schwarz. Hielten sie sich nicht an diese Anstandsregel, wurde das kommentiert: Die kann es wohl kaum abwarten, wieder einen Kerl abzubekommen. Dazu wurde der Kopf geschüttelt und ein abschätziges Geräusch im vorderen Mund erzeugt, ich habe es noch im Ohr. Das Kind bemerkte, daß sich die Erwachsenen anders benahmen, nachdem die Todesnachricht eingetroffen war. Den hat nun auch der liebe Gott zu sich geholt, hieß es dann. Auch von Heimkehr war die Rede, man wußte, was sich gehört. War jemand eigentlich noch zu jung für den alten Tod, mußte das bemerkt und bekundet werden. Es sollte doch bitte die Ausnahme bleiben. Als Jugendlicher begann ich mit meinen jeweils neuesten Gedanken an allem, was ich bisher gesehen und gelernt hatte, zu rütteln. Ich empfand mich als existentialistisch, ohne das Wort zu kennen, und entwarf mir einen nüchternen Tod ohne Aura und geheimeren Sinn. Er kam und schlug zu, blind wie ein Gewitterblitz. Das war es, der Rest ging durch als Inszenierung und sollte offenbar helfen bei dem, was sie Trauerarbeit nannten. Da kamen auch die Kirchen noch einmal zu Wort, in die sonst kaum mehr jemand seine Schritte tat – außer den Alten. Die Erklärung lag nah: die wollten es sich mit Gott nicht verscherzen. Gott verschwand auch aus meinem Heimatdorf, Geert Mak hat diesem Verschwinden ein schönes und kluges Buch gewidmet. Längst bin auch ich erwachsen und frage mich, was aus den Toten geworden ist und wie tot sie sind, im Unterschied zu den vorgeblich Lebendigen. Das Thema hat verschiedene Ebenen, und wechselt man diese Ebenen, ist einem mancher Spaß vergönnt. Man kann ein lebender Toter sein oder wenigstens aussehen wie einer. Es gibt Tote, die sind noch immer nicht vergessen, die beschäftigen die Lebenden mehr als die aktuelle Prominenz oder der zu liebende Nächste. Mich beschäftigt die Frage nach den Grenzen und Beschränkungen meines Wahrnehmens und Begreifens so sehr, daß ich mir ganz andere Zusammenhänge und Verbindungen zwischen Leben und Tod vorstellen kann. Ich empfinde meine Beschränktheit stark. Nur manchmal in Träumen, Déjà-vu-Erlebnissen, Visionen blendet sich eine Wirklichkeit ein, die größer, reicher und sinnvoller ist als dieses realistische Kleinklein, das wir uns beigebracht haben und an dem wir festhalten, damit nicht der Obskurantismus seine billigen Siege feiert. Aber aus der Armut des Sinns und der Sinne mag ich schon heraus. Man darf nicht zu sehr wollen, dann wird’s.


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