„Zum Glück gibt es Berlin“, las ich vorgestern oder am Tag davor. Ich habe auch vergessen, wovon der Bericht oder das Geständnis oder Bekenntnis handelte, mir nur den Titel gemerkt. Hier kann, darf und muß man sich dauernd aufregen, aber man ist nicht aufgeregt. Die Dinge sind, wie sie sind, und wenn sie nicht mehr so sind, sind sie anders. Aber der Nachbar könnte schon mal seine Fenster putzen, wie sieht das denn aus! Während also halb Deutschland sich erregt, kann man Gift drauf nehmen, daß dies hier nicht geschieht. Was sich hier erregt und politisch aufgeregt zeigt, sind Leute von woanders, Zugezogene. Die halten Berlin für Aktivistengebiet, noch immer. Hübsches Mißverständnis. Hier kann man tun und lassen, was man möchte. Niemand sieht so genau hin. Viel zu viele unterwegs. Heute dies, morgen das. Kann man sich gar nicht alles merken. Und jetzt ist Corona. Na, das kriegen wir auch noch gewuppt. Zum Glück gibt es Berlin, woanders haben sie Strafzettel ausgestellt, wenn jemand nicht die Grünfläche aufsuchte, die laut Stadtplan die der im Personalausweis eingetragenen Wohnung nächstgelegene ist. Ich will sagen, hier wird großzügig regiert. Gerieten sie hier ins Kleinklein, gingen sie komplett unter. Ähnliches habe ich vor einem Jahr schon einmal geschrieben, aber Wiederholungen strukturieren das Leben.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.