Aus dem Zusammenhang 147

„NICHT LEICHT GLAUBEN UND NICHT LEICHT LIEBEN. Die Reife des Geistes zeigt sich an der Langsamkeit im Glauben. Die Lüge ist sehr gewöhnlich. Wer sich leicht hinreißen läßt, steht nachher beschämt. Inzwischen soll man seinen Zweifel an der Aussage des andern nicht zu erkennen geben, weil dies unhöflich, ja beleidigend wäre, indem man den Aussagenden dadurch zum Betrüger oder zum Betrogenen macht. Sogar aber ist dies noch nicht der größte Übelstand, sondern der, daß Ungläubigsein selbst einen Lügner verrät; denn ein solcher leidet an zwei Übeln: dem, nicht zu glauben, und dem, keinen Glauben zu finden. Die Zurückhaltung des Urteils ist immer klug im Hörer; der Sprecher aber berufe sich auf den, von dem er es hat. Eine verwandte Art der Unbedachtsamkeit ist das leichte Verleihen seiner Zuneigung; denn nicht nur mit Worten, sondern auch mit Werken wird gelogen, und die letztere Art des Betrugs ist viel gefährlicher.“

Baltasar Gracián, Kunst der Weltklugheit (154)


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