Idiosynkrasien

Eines meiner Lieblingswörter heißt Idiosynkrasie. Es klingt schon so, als sei da etwas schwierig oder verwickelt. Ich kenne die Idiosynkrasie als Überempfindlichkeit, von der Wortherkunft bezeichnet sie die „eigene Mischung“ – das, was einen individuell auszeichnet und von anderen unterscheidet. Auch ausgeprägte Abneigungen und Abwehrreaktionen auf bestimmte Reize fallen unter den Begriff. Einige meiner Überempfindlichkeiten kenne ich recht gut. Die Vorsilbe verrät, daß ich dort, wo es geschieht, stärker als andere reagiere. Das von vielen als unangenehm empfundene Kratzen der Kreide auf der Tafel macht mir nichts aus, es läuft mir dabei nicht kalt den Rücken herunter. Auch muß ich mir nicht die Ohren zuhalten, wenn ein Rettungswagen vorüberfährt. Ich reagiere auf Sprachinhalte mitunter allergisch, so zum Beispiel, wenn Stimmung für eine Sache gemacht werden soll, wenn mit psychologischen Mitteln Druck aufgebaut oder mit Suggestionen (Unterschiebungen) gearbeitet wird, wenn man mir ein Gewissen machen möchte oder mich moralisch zu erpressen versucht. Ich nehme Freiheit wirklich ernst, auch wenn das zum Lachen sein mag. Mir käme nicht in den Sinn, einen anderen auf mich oder meine Meinung zu verpflichten. Ich behaupte nicht, wir säßen in einem Boot. Wir können die Boote zusammenbinden, wenn uns danach ist. Wichtig, daß wir sie auch wieder voneinander lösen dürfen. Die Angst läßt Menschen Entsetzliches und Dummes tun. Aber auch das steht ihnen letztlich frei. Verzeihen wir demnach einander unsere Idiosynkrasien.


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