Als ich noch klein (sehr jung) war, aber bereits fernsehen durfte, gab es in den Nachrichten manchmal Bilder aus den Kriegs- und Krisengebieten der Erde. Bewegte Bilder, Fernsehbilder, gräßliche Aufnahmen. Ich sah hin, auch wenn die Erwachsenen sagten, das sei doch nichts für mich, ich solle wegsehen. Ich verstand bereits damals, warum sie das sagten, ich verstand aber auch mich selbst, der nicht wegsehen wollte. Als sei es wichtig, das zur Kenntnis zu nehmen, ein für allemal. Mit vierzehn fing ich an, mich dem nahezu systematisch zu widmen: den Grausamkeiten, den Quälereien, den Verbrechen aus vorgeblich politischen Motiven. Ich las schlimme Bücher. Sie standen in der Stadtbibliothek, niemand außer mir lieh sie aus. Ich war mit sechzehn komplett, wie mir schien, informiert über die Möglichkeiten des Menschen – negativ. Ein Jahr später beendete ich meine desaströse Nietzsche-Lektüre. Das war die Desensibilisierung, der ich mich selbst unterzog, aus Gott weiß welchen Gründen. Natürlich sind sie familienbiographisch, zu gutem Teil, zu anderem Teil jenem Kulturzusammenhang „geschuldet“, dem ich angehöre und den ich nicht aufhören kann zu bedenken. Ich bin Ende 1964 geboren. Die Kriegsbilder, die ich tv-mäßig gesehen habe, kann man sich auswählen, wenn man „Kriege seit 1945“ in die Suchmaschine eingibt. Für den Abzug der US-Truppen aus Vietnam war ich als Fernsehzuschauer zu jung, auch muß man wissen, daß wir erst 1973 oder 74 ein Fernsehgerät bekamen. Es stand bei unserer Großmutter im Wohnzimmer. Wir mußten bitten, eine Sendung anschauen zu dürfen. Das verband uns Kinder mit ihr, ansonsten fürchteten wir sie. Ja, 1975 war der Abzug, aber ich finde in mir keine Erinnerung daran. Nur die nachträglichen Bilder und Filme.
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