Opfergaben 2

Dieses Verblödungsgefühl rührt auch daher, daß der Geist sich nicht zu befreien vermag. Auch die Arbeit geht nicht wie sonst von der Hand. Unempfindlichere mag es weniger treffen, oder sie spüren es nicht sehr – diese Glücklicheren! Gestern sah ich Kinder und Erwachsene, die Drachen in den Wind stellten. Der Drachen kann nicht fort, er hängt am Faden. Darüber sann ich nach. Heute weiß ich, daß das ein Bild dieser Krise ist und wie sie sich auswirkt auf einen, der seine Flüge braucht. Manchmal ist mir, als hätte ich schon keine Gedanken mehr, als sagte ich nur noch Auswendiggelerntes auf oder fischte aus einer Truhe alte, von Motten zerfressene Klamotten, gewebt aus mürben Buchstaben, ineinander gestrickt durch Regeln der Syntax und einer löchrig geworden Semantik. Was bedeuten denn die Wörter groß – außer daß sie unser Denken manipulieren (vielleicht ist es ja umgekehrt). Das Bild von der Pantherzeit (Marica Bodrožić) erfaßt es. „Und hinter tausend Stäben keine Welt“ – obwohl alles noch da ist, ist nichts mehr richtig da. Und je mehr wir tun, als sei nichts, desto schlimmer wird es. Wir geraten ja nicht mal in die Trauer, umhuschen und verdächtigen stattdessen einander. Wer sich ansteckt, hat nicht aufgepaßt; wer jetzt noch stirbt, ist selbst schuld. Es lebt sich klebrig dieser Tage, und ich weiß auch nicht, wohin ich schauen mag heute. Nicht noch einen Film, ich kann auch keine Filme mehr sehen. Mir ist, als kennte ich sie alle schon. Dieser Tagestext lebt von Übertreibungen, ich weiß das schon. Ich kann nur keine Mauer um mich ziehen und anschließend behaupten, es ginge mir gut in meinem verschlossenen Garten.


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Opfergaben 2

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