Wenn schon in den Zoo, dann zur Zeit der Raubtierfütterung. Blutgeruch im Innenraum. Fleischstücke (Schenkel) auf der Schubkarre in Richtung Käfiganlage. Die Löwen drehen durch, Speichel tropft aus den Mäulern, die Hyäne winselt nebenan. Beim Fressen vergeht einem der Spaß. Welcher Spaß, wenn zu fragen gestattet ist. Die Wärter öffnen die Futterklappen, die Tiere sind außer sich. Der erste Schenkel wird mit einem Stahlhaken eingereicht, der stärkste Löwe schmettert die Tatze auf sein Eigentum und reißt es in eine Ecke des Käfigs. Der Zweitplazierte wird abgefertigt und benimmt sich kaum anders, der Dritt- und Letztplazierte folgt nach. Das muß gemeint gewesen sein, als Brecht sich dachte und schrieb, erst komme das Fressen, dann die Moral. Die Moral aber zeigt sich beim Essen, nicht erst danach. Sonst dürften sich Menschen untereinander alles erlauben. Einstweilen tun sie es machtbestimmt und in Maßen regelgeleitet gegenüber allem, was ebenfalls lebt und hungrig ist – den nachgeordneten Tieren. Wehe, man läßt sie auch noch und erneut über andere Menschen bestimmen, sprichhin final. Die Filme, die solches zeigen, sind bereits gedreht. Die Zivilisationen streben einem jeweiligen Endstadium zu. Niemand weiß mehr irgendwas, doch daß es grausam wird und die Willkür in beliebige Richtungen wütet, dürfte sich aus dem Studium vergangener Dekadenzperioden ergeben. Auch dies präfigurieren wirkungsmächtig und doppelt wirksam als De- und Sensibilisierung die Spielfilme möglicher Wirklichkeiten. Wir haben das bereits gesehen und sind schlau informiert. Andererseits treibt einem, mir jedenfalls, das Wort Dekadenz ein Gähnen in den Kiefer. Zwar erkenne und benenne ich mir die Niedergangsphänomene, doch zweifle ich an ihrer historischen Universalität (erstens) und (zweitens) an ihrer Unausweichlichkeit (Fatalität). Man merkt: ich bin noch Optimist. Ich bin noch nicht altgriechisch, noch nicht mythophil. Ich erwarte einen Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit, ich erhoffe einen Ausweg.
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