Ich erinnere mich, als ich stolz verkündete, ich sei darauf gekommen, wie Gott genannt werden müßte, nämlich: das große Geheimnis. Das sei so neu nicht, erklärte mir damals die Freundin. Nichts scheint sonderlich neu zu sein, außer ein paar neuer Wörter, die aber nicht neu sind, sondern lediglich aus populäreren Sprachen genommen (ohne zu fragen). Was mit Gott sinnvollerweise gemeint sein könnte, läßt sich nicht mir nichts, dir nichts klarmachen. Widrig erscheint der Streit um den einen und einzig richtigen Gott innerhalb des monotheistischen Lagers. Er weiß um die Perspektivität und doch nichts Rechtes damit anzufangen. Mag sein, Gott ist eine Antwort auf die fragende und kindliche Bedürftigkeit des Menschen. Doch warum sollte die Bedürftigkeit schlecht sein, mangelhaft, fehlleitend oder verwirrend? Vielleicht gibt sie Hinweis auf Sinnstrukturen, die dem Denken und Selbstbedenken inhärent sind. Es ist nicht ausgemacht, daß wir ein Blind- oder Fehlwurf der Evolution sind, zufällig hier in einem Zufälliguniversum. Wie wird man in hundert Jahren über uns denken, in fünfhundert Jahren. Deshalb ist es klug, Michel de Montaigne zu lesen, er schrieb seine Essais zwischen 1572 und 1592, dem Jahr seines Todes, und sei es aus allein jenem Grund, nämlich zu verstehen, was in etwa fünfhundert Jahre sind.
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