Zeuge zu sein ist das mindeste

Die Fahrten in den Bahnen Tag für Tag wirken belehrend, nicht belebend. Noch sind fast alle halbtot, mich eingeschlossen, d.h. gelähmt. Sie haben sich eingehüllt in stoisches Durchhalten, ich wohl auch. Kaum je geraten Fremde in ein Gespräch, die sogenannte soziale Distanz besteht nach wie vor. Wir sind nicht befreit, nur weil wir es wollen. Ein irrer Bettler läuft durch die S1 und brüllt vorwurfsvoll: „Ich habe Hunger, niemand reagiert.“ Er versetzt Waggon für Waggon in Aufregung, manche kennen ihn schon und verdrehen die Augen. „Ich frage um Hilfe“, schreit er, „aber alles Arschlöcher hier.“ – „Selber Arschloch!“, widerspricht die Frau aus dem Volk mit dem harten Gesicht und ruft ihm nach: „Geh doch arbeiten! Tun andere auch! Idiot!“ Schon ist er weiter, und sie tippt eine neue Nachricht ein. Das war’s aus der S1 Richtung Wannsee. In mir zittert das Erstaunen nach. Wo bin ich hier gelandet und weshalb, was ist meine Aufgabe in dem Angerichteten.


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