Wissen, Herrschaft, Ordnung

Kürzlich ist Jürgen Habermas gestorben. Vor ein paar Jahren begegnete er mir Unter den Linden Ecke Friedrichstraße. Er war in Begleitung, ich lief allein. Als Student las ich Strukturwandel der Öffentlichkeit und zitierte daraus. Daß Wahrheit ein Produkt der gewaltfreien Kommunikation sein könnte, lag darin angelegt. Zugleich auch das Dürftige einer solch verfahrenstechnisch, mag sein, eleganten Lösung. Habermas als gebranntes Kind. Damalsdamals glaubten sie der einen und einzigen Wahrheit, und die lautete wie bekannt. Fortan also Aushandlung, Arrangement, Kompromiß. Niemand hat endgültig Recht, niemand Unrecht. So läßt sich leben. Nur daß zwischendurch noch die Gegner einer solchen Minimallösung aus dem Weg geräumt werden müssen. Man wird ihm ein Museum errichten, vielleicht am Starnberger See, vielleicht in Frankfurt am Main, nötigenfalls in Berlin. Wie gerät man aus dem Dritten Reich, ohne erkennbaren Schaden genommen zu haben? Habermas schlug sich auf die Westseite. Common sense statt absoluter Wahrheit. Das läßt sich leicht verstehen. Als er starb und die Nachrufe eintrafen, war mir danach, zu fragen, ob ein Soziologe etwas zu sagen vermag über den einzelnen Menschen und zwar hinsichtlich dessen, was nicht in die Soziologie, die Medizin oder sonstwelche Erfassung geraten kann.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Wissen, Herrschaft, Ordnung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert