Als könne man auf mich kaum mehr eingehen, als hätte ich mich verstiegen oder sei auf dem richtigen Weg sonstwohin. Einsamkeit ist eine Tatsache. Ich nehme solche Sachen mit links, jedoch nur derzeit. Derzeit ist Frühlingsommer. Meine Sehnsucht weiß exakt, wohin sie möchte.
Autor: Holger Tegtmeyer
Fummel und Fetzen
Fachwerkhaus
Ich sehe mein Elternhaus wie ein Haus, das ich schön finde, aber nicht zu besitzen wünsche. Es ist kein Haus wie andere Häuser auch, denn ich weiß, was dort vonstatten ging, damals. Ich erinnere mich an die Kühle der Fliesen im Flur, wenn der Sommer da war und alles nach draußen schnellte und wir nicht aufhören konnten zu toben. Patsch patsch patsch barfuß in die Küche, schnell ein Glas Wasser trinken, schnell wieder raus zu den anderen, weiterspielen. Ich lag dort krank im Bett, Nierenbeckenentzündung, sechs Jahre alt, und hörte die Kinder, zu denen ich gehörte, draußen spielen und lärmen. Ich durfte nicht zu ihnen, ich hatte Schmerzen bei jedem Pinkeln und sollte heilen. Endlich war ich einmal heil und endlich wieder frei. Ich kenne jede Entfernung dort und könnte blind die Zimmer finden. Daß es nun in andere Hände gerät, schmerzt mich nicht. Ich laufe weiter und kann niemals zurück. Mein Elternhaus ist ein Kinderhaus. Und ein Wehschmerz fällt mich an zum Abschied.
Später schickt man ihn auf die Reise
Die Wolken hingen tief und übten Druck aus auf die Stadt und ihre Bewohner. Unerwartete Winde fauchten durch die legendär langen Straßen. Es gab Pommes mit Majo und Ketchup, und die Tauben schissen das Pflaster voll. Der Verkehr verkehrte, doch es regnete nicht. Es war ein Tag, um sich in eine öffentliche Bücherei zu flüchten und etwas über Drachenbau oder Kernphysik zu lesen oder einen abgrundtief wahren Liebesbrief zu beginnen.
Unten quetschen, dann kommt oben was aus der Tube
Die Frühfrühjahrsüberforderung ist dahin. Die Natur explodiert, ich explodiere mit. Jetzt könnte man sonstwas tun, und die Kräfte werden reichen. Ich habe Urlaub, was soviel bedeutet, daß ich mich im Besitz einer Erlaubnis befinde, eine festgesetzte Zeit nicht zur Arbeit erscheinen zu müssen. So leben wir hier alle Tage. Spätere Kulturen werden das staunend registrieren. Einstweilen wird der Spieß umgedreht, die faul und träge gewordenen Deutschen sollen wieder mehr arbeiten. Angeregt und losgestochert werden solche Appelle von jenen, die irgendwo oben in der Gehaltshierarchie dafür sorgen müssen, daß oben weiterhin genug ankommt. Man kann die armen Schweine verstehen, sie haben ja kaum was zu verschenken. Die Zeiten sind hart. Die Betriebe suchen händeringend Personal, man muß den arbeitsfähigen Leuten sonstwas bieten. Da muß dringend ein anderer Diskurs aufgelegt werden. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist insbesondere das eine der Aufgaben der zukünftigen Regierung.
Zur Erinnerung – Schritte im Tauschnee
Nein, kann ich nicht
Erneut und immer wieder Brinkmann. Er gerät nicht ins Vergessen. Anderes und andere gelangen dorthin, lagern abgelegt und halbvergessen herum und werden hervorgekramt werden, wenn eine zukünftige Gegenwart es will, da sie was braucht. Brinkmann legt los, schon bin ich wach. Wie gut, daß er diese Tonaufnahmen veranstaltet hat. Wir hören seine Schritte im Schnee, die Geräusche des Lebens damals in Köln. Was hat ihn, um Gottes Himmel, denn ausgerechnet nach Köln verschlagen? In London dann hat ihn ein Auto überfahren. Er schaute beim Überqueren der Straße erst nach links, dann nach – zack war er tot. So schnell geht das, Linksverkehr. Ich dachte früher, Brinkmann sei ein arrogantes Arschloch, den könne ich mir sparen.
Niveau ohne u ist Nivea
Rolf Dieter Brinkmann (16.4.1940 – 23.4.1975)
Entgegen der Windeseile
Früh schon auf, spät noch wach. Berührungen und Überschneidungen. Das Grenzland schwirrt. Gäbe es kein Bild dafür, könnte ich es zeichnen, edel und erhaben grau, Gelbeinschlüsse darin. Das Glück ist ein Geschenk des Himmels, doch es mag auch angenommen sein. Ich fürchte mich nicht länger vor der Liebe. Das ist ein Schritt.