Den Fährleuten sei Dank

Das Glücksempfinden nährt sich aus kleinen Geschenken, die Geschenke zu nennen nicht kitschig aufgefaßt sein mag, sondern wirklich. Tage mit stabiler Witterung, der Sonnenkreis steigt und weitet sich. Entlang eines Sees gelaufen, die Entgegenkommenden gegrüßt wie damals daheim auf dem Dorf oder im Wald oder auf den Feldwegen. Die Schrecken der Begegnung. Graureiher flogen ein. Boote mit Betrunkenen tuckerten entlang der Regattastrecke, es war Wochenende, da läßt man die eingesperrte Sau raus. Schon ist Nacht und ein neuer Tag angezählt. In Schmöckwitz stehen Neubau-Apartments am Wasser, gleich neben einem Jahrhunderte alten Baum; in eines davon sollte man einziehen oder sich einkaufen, wenn man ohne Nerven ist. Ich dachte an Andrej Tarkowski und Opfer. Steckt man einen Stock in den Strand, wächst daraus ein Baum.

Den Fährleuten sei Dank

Zuckertütenblues

Wäre ich ein normales Kind gewesen, das unter normalen Umständen heranwächst, hätte man mich als Kleinkind Tag für Tag, außer wochenends, in einen Kindergarten gebracht, in dem ich erste Erfahrungen mit Schaufel, Eimer, Sand hätte sammeln können, mit den Autoritäten und der Konkurrenz. Mir fehlt solche Erfahrung. Als ein primitiver und offensichtlich zurückgebliebener Dörfler wurde ich eingeschult und lernte Schlange stehen in der sogenannten Mittelpunktschule. Endlich war ich einer von ihnen. Ich weiß noch heute einige Namen und auch Riten aus der Initiation.

Zuckertütenblues

Sich fassen

Wie sehr und unterschiedlich wir sind. Die einen verschicken Blumen-Photographien wie zum Nachweis, daß es Frühling sei. Ich las als Unterschrift einer solchen Abbildung dessen, was natürlicherseits geschieht: Hoffnung auf den Frühling. Sie (diese Formulierung) führte mich zurück in älteste Angst: daß es nie wieder warm wird und ewiger Winter anbricht. Angst als fast schon urzeitliche Befürchtung, nicht als Fast-schon-Gewißheit. Die anderen warten ab, halten sich bedeckt, kehren ein und trinken drei kleine Bier. Anschließend schnell nach Hause, bevor die Müdigkeit einen auf halbem Weg noch köpft. In solch wunder Zeit schmeißen sich die Leute vermehrt vor die Züge. Zweimal bereits saß ich in einem, als solches geschah. In der S-Bahn kurz nach Ausfahrt des Zuges aus der Station Friedenau in Richtung Schöneberg (Ringbahn), in der U-Bahn (U7) am Hermannplatz kurz nach Ausfahrt des Zuges Richtung Hermannstraße (Endstation). Wer sich auf solche Weise umbringt, zerstört nicht nur sich selbst. Ich habe die Durchsagen der Zugführer noch im Ohr, als sie mitzuteilen versuchten, daß es nun nicht weiterginge, daß etwas passiert sei, daß wir uns gedulden müßten. Zitternde Stimmen von Menschen, die sich zu fassen versuchten.

Sich fassen

Wie man das aushält

Frühling ist eine Schürfwunde. Allmählich wehen mildere Winde. Soll ich pusten? fragte meine Mutter, als ich Kind war, wenn etwas weh tat, da ich hingefallen war und die Haut aufgeschürft war an den Knien oder den Ellbogen. Der Hauch kühlte die Wunde und wirkte Wunder. Es war schon gar nicht mehr so schlimm, und ich konnte aufhören zu wimmern. Es war jemand da und paßte auf und brachte Trost. Im Frühling gehe ich herum wie ein Verletzter, im Winter passiert mir das nicht. Woran mag das liegen? Ich erkenne etwas notwendig Gräßliches im kläglich-zitternden, jederzeit abwürgbaren Neubeginn des Lebens. Liegt das wirklich daran, daß ich eine Frühgeburt war. Muß ich denn endlos mitbangen und mich fast schon übergeben vor Mitgefühl mit diesen tapferen zarten Pflanzen und Wesen.

Wie man das aushält

Alternativlos in eine Sackgasse

Hätte ich das Sagen nicht, das Sprechen und das Schreiben, dann wäre mir enger. Vielleicht wäre ich längst explodiert und in Stücke geflogen und hätte mich unappetitlich verteilt. Vielleicht wäre ich Boxer geworden oder Krieger in einem Krieg ohne Aussicht auf Erfolg. Jetzt reden sie hier von Waffen und Truppentransporten und all dem teuren Zeug, das beschafft und eingesetzt werden kann, wenn man nicht mehr weiter weiß. Erneut sind die Rat- und Geistlosen wie berauscht von ihrem Only-one-way-out. Der neue Kanzler ist bekannt dafür, mit Volldampf in Sackgassen zu rennen. Aus den Kriegstüchtigen werden die Kriegswilligen werden, auch dieser Brückenschlag wird gelingen. Die notorischen Mitmacher werden Unterstützungsdienste leisten. Es sieht nicht gut aus in Deutschland, wo man sich ebenfalls gern verrennt. Insofern passen Führung und Volk zusammen. Ich wiederhole den Satz aus der dunklen Zeit: Allein die Deutschen sind endsiegfähig.

Alternativlos in eine Sackgasse

Unter den Dampfbügeleisen

Man kriegt seine Geschichten nicht durch. Dauernd ist was. Den anderen geht es nicht anders. Niemand bekommt seine Geschichte durch. Wir sind abgelenkt oder werden es. Ich pisse aus Protest in die Badewanne, spüle dann nach. Hier läuft was schief. Die Begegnungen laufen uns nach wie verendende Hunde. Stolz und Schmerz sind die Wappenzeichen vergangener Tage. Die Zukunft ist das Loch, in dem wir verschwinden. Vorher noch ein Hoch auf das unsterbliche, schäbig-schöne Leben. Doch doch, wir können leben, und wie wir das können!

Unter den Dampfbügeleisen

Danke an die denkenden Panzer

Ansonsten ist es hier wie immer. Die Bahnen fahren, die Ampeln wechseln die Farbe, der Fernsehturm steht nadelgerade am Alexanderplatz und richtet die Blicke zu sich aus. Die Schüler eilen zur Schule, die Müllabfuhr kommt pünktlich, bei Dunkelheit gehen die Straßenlaternen an. Alles ist wie immer, nur daß es nicht wie immer ist, da etwas an uns zieht und zerrt, uns bewegt und zerteilt und unglücklich macht. Eine schwere Sorge liegt über dem Land, die von der politischen Klasse angeheizt wird, bis es brennt.

Danke an die denkenden Panzer

Ich bin hier so fremd wie du

Käme jemand von irgendwo angereist, wäre lange Zeit nicht im Land gewesen und fragte, wie es ist, derzeit und allgemein, könnte ich kaum schnell antworten, als erstes würde ich sagen: Schwierig. Als zweites würde ich sagen: Angespannt. Als drittes müßte ich hinzufügen: Irre. Dann hätten wir vielleicht ein bis zwei Stunden Zeit für einen Kaffee und ein Croissant im Foyer des Flughafenhotels oder später in einer der vielen Bars in Berlin. Ich wüßte kaum, wo beginnen. Der Gast von weither, der das Land aus einer Zeit kennt, als es andere Themen beschäftigte, müßte sich dorthin durchfragen, wo es für ihn selbst einen Ausgangspunkt gäbe, um die umgekehrte Reise antreten zu können, zurück ins Aktuelle.

Ich bin hier so fremd wie du