Mondtag

Schnurstracks durch den Feiertag und ihn hindurch in den nächsten. Jesus ist nicht umsonst gestorben, ich laufe ruhig die Straßen entlang und über Felder und gedenke seiner: des fürchterlichen und zugleich erstaunlichen Endes, das er fand (als hätte er gesucht) oder das ihn ereilte (als Strafe, als Quittung), ein skandalöses Ereignis bis heute. Es pocht nach. Mir ist Ostern ein schreckliches Fest, da es blutet und nach Gruft und Verderben riecht. Ich möchte Jesus in den Arm nehmen und trösten, sogar bewahren vor dem Mißbrauch, der getrieben wird mit einem, der als Wanderpoet nichts anderes tat, als die Wahrheit zu sagen, rein und klar, unmißverständlich. Er ist nicht der einzige solcher Größe und Klasse, andere gingen voraus oder folgten auf jeweils eigener Bahn. Die Geschichte des Menschen ist nicht zuende.

Mondtag

Wir wissen doch alles

Ist dir schon mal aufgefallen, daß sie alle Angst haben? fragt die Stimme. Ist dir schon aufgefallen, daß sie sogar Angst davor haben, Angst zu haben? setzt sie nach. Ich nicke lustlos, bin müde, möchte heim. Angst ist ein hochwirksames soziales Gift, zischt sie. Es zersetzt die Beziehungen, zertrennt Familien, zerspellt Freundschaften. Die Regentschaft der Angst mündet in Gewalt. Das ist ein Ozean aus Blut. Möchtest du mich begleiten in die Gefilde solcher Herrschaft? Wir können auch ins Museum gehen und Bilder ansehen, wie es dort geschah, als die Angst die Schrecklichkeiten freischoß. Die Stimme wird leiser. Ich weiß, daß du das weißt, sagt sie. Doch nun komm mit, ich zeige dir, was niemand weiß. Was weiß denn niemand? frage ich.

Wir wissen doch alles

Auf die kleinen Begebenheiten

Wie Geschichten entstehen – ich weiß auch nicht. Sie geschehen, man kann sie bemerken. Sonst entgehen sie. Ich stehe und fahre in der U-Bahn und sehe, daß eine Frau ein Buch liest, es dann, da sie aussteigen muß, in die Tasche packt, und ich erkenne, daß sie Stories von Raymond Carver liest, und wenige Minuten später steige ich ebenfalls aus der Bahn und höre Sun Kil Moon, der Raymond Carver erwähnt. Das bezaubert mich, deshalb soll das Lied hier sein in meinem Café der gemischten Gefühle und ausschweifenden Gedanken. Es ist Ostern.

Auf die kleinen Begebenheiten

Lange Momente

Daß mir Zeit stets genommen, kaum je gegeben ist – lautete ein eingeübtes Vorurteil. Seit dem letzten Winter verhält es sich umgekehrt. Eine Woche wird zu einem Monat, dehnt sich aus zu einem Jahr (Übertreibung). In Hülle und Fülle stehen die Zeiteinheiten bereit, gestaffelt nach Sekunden, Minuten, Stunden und so weiter. Sie gehen mir nicht auf die Nerven. Das hat damit zu tun, daß ich frei habe. Das hat damit zu tun, daß ich frei fühle und denke und lebe. Das Herz schlägt ruhig, zählt sich nicht.

Lange Momente

Nichts los hier, von wegen

Ein kleines Denkmal, einen Altar für Brinkmann? Ich würde abraten, man soll sich im Gedenken und Bedenken nicht vergreifen. Vielleicht entdeckt die Stadt Vechta ihren unerkannten Helden, doch wichtig ist das nicht. Selbst Köln könnte aufspringen, hat er sie doch gut bedacht. Brinkmann klingt wie ein Schuh- oder Elektrowarengeschäft, deshalb vielleicht war der Buchhändler so irritiert, als ich Rom, Blicke bei ihm bestellte. Endlich möchte ich auch das noch lesen, derzeit beschäftigt mit Westwärts 1&2, woraus ich noch zitieren werde. Brinkmann könnte mein Vater sein, doch ich bin froh, daß er es nicht ist. Lang lebe die Differenz.

Nichts los hier, von wegen