Mandolinenklänge zur Nacht. Die Waschmaschine macht Geräusche. Zuvor die Rufe der Mauersegler, hell und silbern. Daß es Menschen gibt, sagte ich. Wie meinst du das? Erstaunlich, sagte ich. Gespräch zwischen zwei Erwachsenen, nachmittags.
Autor: Holger Tegtmeyer
Strahlende Augen
Ein Tag des romantischen Sommerregens. Es plätschert in den Rinnen, es gurgelt in den Gullys. Das kleine schwarze Mädchen steht an der Eingangstür zum Foyer der Volksbank und begrüßt die Gäste. „Ah, da kommt ja noch eine Dame“, ruft sie und öffnet die Tür. Die Frau freut sich und steuert auf einen der Geldautomaten zu. Wir stehen und warten, daß der Regen nachläßt. Das Mädchen jubelt: „Das ist sehr viel Wasser – wie im Schwimmbad!“ Sie spricht mit den Wartenden: „Haben Sie denn keinen Schirm dabei?“ „Leider nur den einen“, sagen die, die zu dritt sind. „Wie kann man ohne Regenschirm aus dem Haus gehen, wenn man weiß, daß es regnet?“ möchte sie wissen. Schon nähern sich neue Gäste. „Kommen Sie bitte in mein Haus, zwanzig Leute haben Platz, mehr aber nicht!“ Ihre Mutter lächelt, läßt die kluge Tochter, die vielleicht zehn Jahre alt ist, gewähren, da sie sieht, daß sie uns alle froh stimmt. Selbst der Wachmann auf seinem Klappstuhl strahlt. „Oh oh, so viele Leute dort draußen“, ruft sie nun, „das sind ja mehr als hundert. – Wir sind nur zwölf.“ Nun läßt der Regen nach. Wir verlassen den Raum. Das Mädchen hält die Tür auf und verabschiedet einen jeden von uns: „Schön, daß Sie mich in meinem Haus besucht haben! Einen schönen Tag!“
Warum nachts?
Warum nachts? Man wird das die Romantiker nicht fragen. Warum gibt es eine dunkle und abgewandte Seite des Mondes? Was steht auf der Rückseite deiner Persönlichkeit? Wird jedem Vorzug ein Mangel zugeteilt, damit ein Ganzes entsteht? Was fehlt dem Tag, das die Nacht erst gibt? Soll man antworten? Man hat die Vernunft taghell genannt – da war Optimismus im Spiel. Es gibt auch das Lied eines konvertierten Sängers, der dringend rät, die Stadt in der Nacht zu meiden. Welche Ängste sind da im Spiel? Da wir Landkinder sind, trauten wir uns nachts in den Wald und trafen auf lautlos streifende Nachtjäger wie den Uhu, der mit gewaltiger Spannweite über mich hinwegstrich. Mir blieb das Herz stehen.
Herzförmige Blätter von beträchtlicher Größe
Amerikanische Pfeifenwinde, ein großblättriges Rankgewächs, wuchert den Zaun empor und macht ihn vergessen. Eine hellgrüne Wand im Licht der einfallenden Sonnenstrahlen an einem Nachmittag. An die Hauswand heftet sich der Efeu mit festen Wurzelfüßen. Wunderbare Welt der Pflanzen. Sie bleiben stehen und wachsen, während wir dauernd unerwegs sind.
Im Sommer
Nacht. Wird es nun gar nicht mehr dunkel? Der Himmel wie eine schwach beleuchtete Folie in Farbtönen jenseits der Palette. Leise geht der Wind und erinnert an ein unterdrücktes Stöhnen. Tiere könnten erscheinen. Mir ist heilig zumute. Der Ort eines Menschen ist der Garten. Draußen mag Wildnis sein.
Entwüstung
Im Garten Jack Kerouac gelesen, Desolation Angels. Die liebevolle Schilderung des alten Süchtigen, zu dem er sich auf den Weg gemacht hat nach Mexiko. William Burroughs: ein Illegaler, der aufpaßt, daß ihn niemand erwischt; jemand, der weiß, wie man seine Fährten verwischt; genügsam, unerkannt, verstohlen. Dann lärmen die Freunde heran, Allen Ginsberg mit Entourage. Die Stille hat ein Ende. Die Seele des Dichters kämpft um ihr Leben. Kerouac ist mein Bruder im Sonstwas. Ich habe dafür keinen Namen.
Wenn Kleinbürger die Welt verbessern möchten, wird es endlich richtig
Sie sagten Künstler und Künstlerinnen oder setzten ein Sternchen an der richtigen Stelle zwischen die Buchstaben. Es hieß, das machte sichtbar, daß es Frauen gäbe und zwischen Mann und Frau noch weitere Identitäten. Man schlug sich mit den Geschlechtern herum wie mit den Religionen im Dreißigjährigen Krieg. Es wurde sprachlich ernstgemacht, die Reform sollte fruchten. Ich fragte damals, wie lange es dauern würde, bis die Aufklärungsmobilisierung erfolgreich beendet werden dürfte, da schließlich einmal doch jeder wüßte, daß es dies und das gäbe und dazwischen kein Nichts sei. Ich erhielt keine Antwort. Sie wußten es nicht. Ad infinitum. Es kam offenbar darauf an, mitzumachen und dabei zu sein. So erging es einem gut. Später verrann dann die Sache im Sand, man sprach nicht mehr davon. War ein Versuch, sagten sie, zuckten mit den Schultern. Es war die Aufregung nicht wert.
Nicht nur in diesem Land
Kippbilder auch des Verstehens
Den jungen Künstlern bringt man bei, wie sie sich auf dem Kunstmarkt plazieren könnten und später vielleicht einmal etablieren (festsetzen). Sie werden angehalten, Produkte zu entwerfen. Man mag solches nicht mehr Kapitalismus nennen, da man zu vornehm geworden ist, Kapitalismuskritik zu äußern. Nun – dann mögen alternative Verstehensoperationen angewendet werden, um eine anpassungswillige und verführte Generation zu beschreiben, die Kunstwerke zu schaffen sich bemüht, die in die Zeit passen. Man müßte vielmehr nicht in sie passen, ihren Anforderungen nicht genügen, notfalls sie parodieren. Ein Ausweg ist stets.
Naher Horizont
Stets wird man mit Musik, Tanz, Bildern, Theater, Poesie auf die Zumutungen reagieren, die dem Leben auferlegt werden im Vollzug jeweiliger Politismen. Ich erwarte sehnsüchtig neue Generationen von Künstlern, die uns zurück ins Leben leiten. Die Alten sind feige geworden, die Jungen trauen sich noch nicht. Man will oder soll korrekt sein. Das ist in etwa das Gegenteil von Kunst, jedenfalls von Leben.