Oft genug wünschte ich, ein Handwerker zu sein. Das Studium trieb mich in die Enge, statt in die Weite zu führen. Stets stellte ich mir die geistige Welt groß und gewaltig vor, nicht eingepfercht, kleingeteilt und ängstlich überwacht. Seitdem bin ich froh, daß ich nicht Akademiker sein muß. Es käme einer Haft gleich und heftete mir den Dünkel auf das Antlitz, selbst wenn ich täte, als sei nichts geschehen. Ich entsinne mich der Kontaktanzeigen in der einstmals legendären Wochenzeitung Die Zeit: Akademiker sucht Akademikerin, Geld ist da, Zufriedenheit noch nicht, Hobbys werden angedeutet, auch Vorlieben für die italienische Küche, mögliche Reiseziele, sogenannte Sehnsuchtsorte. Da machte man sich interessant. Warum Handwerker? Da sich im Gegenständlichen Probleme lösen lassen. Im Abstrakten wird es gespenstisch. Ich liebe das. Ich fange eine Motte im Flug. Vorhin habe ich drei handwerkliche Probleme gelöst und weiß nun mehr über Schlösser, Abflüsse und Rohrreinigung.
Autor: Holger Tegtmeyer
Dem Müssen entrinnen
Man überwindet einen inneren Feind nicht, indem man ihm ausweicht oder verteufelt. Vielmehr sollte er einem möglichst genau und gezielt begegnen. Wenn man ihn nicht mehr nötig hat, ist Freiheit möglich. Das kann dauern. Aber es hat auch gedauert, ehe man Raucher wurde, fernseh-, film- und tablettensüchtig usw. Man entledigt sich seiner Schwächen, wenn sie nicht mehr nötig sind. Ruhm- und Erfolgsucht. Ich habe mal geraucht, doch Rauchen interessiert mich nicht. Sollte es mich dermaleinst interessieren, werde ich neue Studien zum Rauchen anstellen. Verteufelung schadet.
Die Gewalt des Guten
Die Anonymen Alkoholiker sollen Demut zeigen, sich schuldig bekennen, ein Bekenntnis ablegen. In der trostlosen Runde der Reue und des propagierten Neuanfangs sitzen sie beisammen wie Konfirmanden, die auf ein Ende der peinigenden Vorführung warten. Laut tickt die Uhr der eingeschlossenen Herzen. Sie identifizieren sich mit ihrem Problem, da sie mit ihm identifiziert wurden. Auf solche Weise sind sie verloren und werden es bleiben. Nicht einmal ihr Trinken dürfen sie verstehen. Daß sie es einsetzten gegen den Schmerz wie ein schwaches Medikament, daß sie sich frei fühlten für gewisse Zeit, daß sie sich Zugang verschafften zu versperrten Gebieten des Selbst. Stattdessen Torturen der Strafmündigkeit, ein puritanischer Exorzismus, eine erzwingende Entsagung – vor der Gemeinde der Sündigen. O happy day. Stets wird der Teufel sie begleiten, ein Glas reicht. – Wie gut, daß es die erste halbe Stunde von Fight Club gibt.
Hoheit
Es gibt ein paar häßliche und störende Details über die Wahrheit, die sie durchaus nicht hören mag. Nicht die Hoheit, sondern die Wahrheit.
Musik
Ich finde keinen Ton, wenn nicht gehört wird.
Sondern wer?
Ich schreibe seltsame Sätze und lasse sie stehen. „Nach dem Film ist niemand mehr selbst“, habe ich soeben gelesen, so daß ich es geschrieben haben muß. Einen Film wie Wisconsin Death Trip könnte ich niemals ersinnen, dabei stamme ich aus einer ländlichen Gegend, in der es Geschichten genug gibt. Aber doch nicht eine solche Serie von Unglücksfällen, als sei ein Ort verflucht! Jeder hat von dem Mann gehört, der siebenmal vom Blitz getroffen wurde. Die Welt wimmelt von Geschichten und Sonderlingen, Einzigartigem und Erstaunlichem. Ich sehe den Film nun ein drittes Mal und warte darauf, daß ich nicht mehr selbst bin.
Verzeihung für den Selbstverweis – es geht mir um den Film
Die Härte der Vorfahren hieß überleben
In der Not frißt der Teufel Fliegen
Glaubensgemeinschaften interessieren mich nicht. Gesinnungsgemeinschaften sind mir gespenstisch. Fahrgemeinschaften sind in Ordnung, nur daß es sie kaum mehr gibt. Lebensgemeinschaften wären richtig, wenn sie nicht so hießen. Arbeitsgemeinschaften sind, was sie sind. Werden die unterschiedlichen Interessen der Beteiligten nicht geleugnet, ist alles in Butter. Volksgemeinschaften sind Projektionen von Verschmelzungsphantasien und müssen aufwendig und erschöpfend penetriert werden. Wir als Gesellschaft ist ein Paradoxon, das die deutsche Gegenwartssprache hervorgebracht hat. Parteien sind, was die Etymologie des Begriffs hergibt, insofern eine ehrliche, wenngleich beschränkte Angelegenheit.
Unabhängig abhängig
Wir sind keine Gruppenwesen? Und wie wir solche sind! Nur deshalb fallen die Einzelgänger, die Ausgestoßenen, die Vereinsamten auf. Fast scheinen sie zu riechen. Jedenfalls wendet man sich ab. Dies zu erleiden, erdulden zu müssen möchte man niemandem wünschen, und zugleich wäre es nötig. Sonst versteht man schwer.
Wer einen Menschen zu zerstören trachtet, schließt ihn aus, verbannt ihn (in ein Exil). Mit dem reden wir nicht, sagen sie dann. Sie sind die, die mit einem solchen nicht reden und sich damit wohlbefinden und im Einklang der Meinung. Ekelhaft ist das schon, zugleich schändlich – allerdings tief verankert in der Geschichte des Menschen und der Kulturen.
Gruppen sind gekennzeichnet durch Zugehörigkeit und nolens volens (nichtwollend wollend) durch Ausschluß. Daß der politische Kitsch anderes behauptet, liegt in dessen Feld. Nicht dazugehören zu müssen ist andererseits ein Ausweis der Freiheit, nämlich der, jederzeit gehen zu können. Dabei sind Bindungen etwas Schönes und Warmes, oder können es sein.
Zwischen Realistik und Romantik (als „qualitative Potenzierung“ des Wirklichen im Sinne Novalis‘) wechselnd lebe ich meine Tage inmitten des Quantitativen und seiner Anhänger, halb Teil der unterschiedlichen Gruppen, denen ich anzugehören scheine, teils nicht.