Die Stille zwischen Blitz und Donner

Ein Gewitter kam über uns am frühen Sonntagnachmittag. Ich lauschte dem Donner und zählte die Sekunden. Die Götter sind zornig, wird man früher gewußt haben – in jener alten Zeit, an die wir nicht reichen. Jemand mußte verantwortlich sein für Unheil und Glück, und ein jeder wußte, man selbst war es nicht.

Ich bin froh, daß ich im Hier und Jetzt lebe – und spüre sogleich, daß dies eine Unsinnsaussage ist. Vielmehr möchte ich froh sein, auf die Art und unter den Umständen zu leben, unter denen anzutreten ich gezwungen, erwählt oder lediglich dem Zufall unterworfen hineingewürfelt wurde.

Ein Gewitter ist keine Kleinigkeit. Als wir Kinder waren auf dem Dorf, hatten wir, obgleich in evangelisch-lutherischem Territorium beheimatet, eine Heidenangst vor solchem „Wetterereignis“. Ich lief, zehnjährig, sogar eigens hinaus aufs Feld, um herauszufinden, ob ich erschlagen werden sollte. Es ging gut, ich lebe.

Die Stille zwischen Blitz und Donner

Neben-, Haupt- und Westentasche

Mir ist, als sollte man die laufende Fußballweltmeisterschaft nach Strich und Faden genießen. Ein solches Turnier wird es nicht wieder geben. Die Superlative sind vielfach bedient und erfüllt. Ein „Weniger ist mehr“, ein reduce to the max steht an. Dafür wäre seitens der Verantwortlichen eine Kompetenz (ein Vermögen) vonnöten, die zwischen Quantität und Qualität zu unterscheiden versteht. Bis sie sich entwickelt, bedarf es einiger Zeit. Da jedoch Gier sich das Maul nicht vorschnell und schon gar nicht idealistisch stopfen läßt, rechne ich mit Gegenwehr. Der Ballon ist aufgeblasen. Noch ist er nicht geplatzt. „Fußball ist unser Leben, denn König Fußball regiert die Welt.“ Sie spielen uns müde. Am Ende des Turniers werden wir zusammensacken. Wie bei allem. Wir sind fertig, sie kitzeln uns halbtot. Ich weiß das seit zwanzig und mehr Jahren und spreche darüber, schreibe sogar. Entzückend, sagte Kojak.

Neben-, Haupt- und Westentasche

Der Wind hat mir das gesagt

Da ich im Einfluß- und Wirkungsbereich kapitalistischer Normalitäten lebe, genieße ich das üppige Brot-und-Spiele-Angebot der bewundernswerten und verehrungswürdigen Helden und Organisatoren des Spektakels einer Fußballweltmeisterschaft im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nebst jenen Anrainerstaaten, die ebenfalls Möglichkeiten suchen. Neuerlich, ich wurde darauf aufmerksam gemacht, regt sich ob der aufgeblasenen WM Kapitalismuskritik. Während der letzten Jahre war solche allerdings nicht zu vernehmen. Als dreistellige Milliardenbeträge aus den Haushalten der öffentlichen Hand genommen wurden: an die Finanzwirtschaft, an die Pharmabranche, an die Energiewirtschaft, an die Rüstungskonzerne. Das waren Krisenausschüttungen. Man nennt Schulden Sondervermögen, das ist bundesrepulikanisch spektakulär. Da die, die das abziehen, die Guten sind, schadet es nicht oder soll es bitte nicht tun. Liebe Glaube Hoffnung. Wir sind auf gutem Weg. Die Gegner sind noch schlimmer, zum Glück. Da ist ja die AfD. Gott, die ist immer noch da. Woher kommt die, warum ist die da? Das bürgerliche Deutschland, erdrosselt von „Kapitalismus“ und hineingetrieben in die Alternativlosigkeit verhängnisvoller Zustimmungen, vibriert vor Angst, daß ausgerechnet solche Vögel die Chose übernehmen könnten. Das werden sie nicht.

Der Wind hat mir das gesagt

Nachfreude

Da es nun warm ist, scheint der Sommer sich durchgesetzt zu haben. Einstweilen. Wir haben ihn so sehr herbeigesehnt, jetzt ist er da. Schon ist es einigen von uns zu heiß. Sie wünschen sich ein Thermostat, auf dem sie die Außen- ähnlich wie die Innentemperatur ihrer Wohnung einstellen können. Wäre das nicht schön. Das wäre schrecklich schön. Dann gehorchte vielleicht das Klima den menschlichen Vorgaben. Sie, die Menschen, sind glaubensbedürftig. Man wird ihrerseits die sogenannte Künstliche Intelligenz zur Gottheit erheben, sollte das nötig sein oder Vorteile erwirtschaften. Oder sie zum Teufel erklären, wäre solches die Option der Stunde. Nur zu, Streiter unbestreitbarer Wahrheiten. Wir sehen uns nach dem Turnier.

Nachfreude

Zeitvertreib

Warme Luft. Blinkende Lichter über den Türen. Nächster Halt Bayerischer Platz, blau wie das tiefe Meer. Videoüberwachung. Ringelpullover, Handtaschen, weiße Sneaker. Bildschirme, Trinkflaschen, drei Streifen Adidas. Kleistpark eher grün. Müdigkeiten unterschiedlicher Schwere. Bevölkerungszahl in Berlin steigend, nun schon 3,7. Bierflaschen. Zöpfe und Brillen, nackte Beine, behaart oder nicht. Gerüche. Falsche Wimpern klimpern. Mehringdamm, Ausstieg rechts. Kopfhörermodelle. Insel der Hundertjährigen, ein beworbenes Buch. Sängerin aus dem künstlichen Koma erwacht. Gneisenaustraße. Härtefälle bei Ehescheidung. Bärte, Scheitel, Glatzen. Südstern gelbbraun. Blick auf den Stadtplan, Nachdenken über Karte und Landschaft.

Zeitvertreib

Hier stimmt was nicht

Eine innere Unruhe. Ein Flirren und Sirren. Gehe ich sehr langsam, wird es besser. Zu vieles donnert und rast durch das mißhandelte Hirn. Reizoffen nennen sie ein Kind, das zu viel mitbekommt. Ich war ein solches. Ich denke mir zu jedem stets das andere. Ich sähe, wäre das möglich, die Rückseite des Gesichts. Ich sehe mich selbst im Spiegel und nicke mir zu – treffe auf Skepsis.

Hier stimmt was nicht

Strahlende Augen 2

Das Mädchen, das an der Tür stand, während es draußen schüttete und wir Schutz im Geldautomatenfoyer der Bank suchten, war das Lebendigste im Umkreis von unabschätzbar vielen Quadratkilometern – nicht nur an jenem Samstag vor ein paar Tagen, sondern zeitübergreifend. Ich bin mir sicher. Was ich geschrieben habe, reicht nicht im mindesten heran an das, was geschehen ist. Sie hat alles verwandelt – uns leicht verblödete Erwachsene, die erzwungene Pause, den Stillstand des Fortschreitens und Irgendwohinwollens oder -müssens, die Regenschirmfrage und die nach der leuchtenden und sozialen Intelligenz von Menschen, die einander fremd sind und sich wiederfinden in einem Raum, in dem sie NICHTS machen, NICHTS miteinander anzufangen wissen. Wäre da nicht dieses schmale Mädchen mit den lebhaften Augen und dem Mut ihres Wesens.

Strahlende Augen 2

Verausgabt

Ich habe mich ausgiebig verteilt. Wörter gemacht, Sätze gebildet, Schallwellen erzeugt. Ich glaube, ich bin ein bißchen kaputt. Kaputt im guten Sinn, nicht im schlechten. Der schlechte ginge Richtung Totalschaden, der gute geht Richtung Erschöpfung und Besinnung. Ich werde mich rar machen, mag sein. Da ich es ausgesprochen habe, werde ich mich vielleicht nicht so sehr rar machen müssen. Ist denn Schreiben wie Sprechen? Ja sicher, nur auf eine eingebildete Weise.

Verausgabt

Ich möchte weiter

Je weniger ich spreche, desto einfacher ist es. Immerhin schreibe ich. Mit dem Sprechen möchte ich mir etwas überlegen. Gerate ich in alte Rollenspiele, falle ich in eine Kopie einstiger Aktionen und Operationen. Ich möchte weiter. Mir ist es lieb, allein in der Untergrundbahn zu stehen. Ich stehe dort herum, an irgendeinem Ort nahe der Tür, und schaue. Ich will nicht beobachten, das ist mir zu absichtsvoll, zu jagend. Wer jagt, will Beute. Ich will gar nichts erbeuten. Beutemachen kotzt mich an.

Ich möchte weiter