Wir sind keine Gruppenwesen

Mir wäre, dies mit Blick auf die aktuellen Diskurse, lieb, wenn sich jemand nicht in ein Lager begeben wollte und in solchem Sinne Positionierung verweigerte, also produktiv Gebrauch machte von der Intelligenz eines Menschen, die darin besteht, zu erkennen, zu verstehen und zu unterscheiden. Wer allerdings Anschluß erstrebt und benötigt, gerät in ein Lager und eifert von dort mit. Die Lebens- und Antriebsmotivationen der Menschen sind unterschiedlich – das gehört zur Harmonie des Ganzen. Dieses Ganze läßt sich nicht groß genug denken. Ein Blick zu den Sternen macht schwindlig, ebenso das Studium einer Hausfliege. Die Ironie des Titels – geschenkt.

Wir sind keine Gruppenwesen

Stehen, stand, gestanden

Nicht selten (also oft) ist mir, als wollten die Leute, die ich spreche, die Probleme, über die wir zu sprechen scheinen, dadurch loswerden, daß sie eine fixe Meinung dazu präsentieren. Es scheint sie zu entlasten, wenn sie sich, wie das genannt wird, positionieren. Mich würde solches Positionieren in unsicherem Gelände und bei ungefährem Wissensstand belasten. Ich traue mir Positionen nur dann zu, wenn es nötig ist – und zwar aus innerem Impuls. Müßte ich Parolen an Wände sprühen, lautete eine: Laßt die Leute in Ruhe. Übersetzt: Mobilisiert sie nicht, hetzt sie nicht auf. Sollten die Anderen hetzen, macht es ihnen nicht gleich. Ihr würdet sonst ununterscheidbar. Der Ton macht die Musik, nicht die (was denn sonst) gute Absicht.

Stehen, stand, gestanden

Long may you run

Szene in der Untergrundbahn: Eine Bettlerin geht herum, sie ist stark tätowiert, dramatisch geschminkt. Sie mag Mitte dreißig sein. Eine Träne hat sie sich in die Haut stechen lassen unter ihrem einen Auge. Sie ist dünn, wiegt kaum mehr als vierzig Kilo, geht auf Plateausohlen den langen Gang der Ziehharmonikabahn entlang und fragt nach einer kleinen Hilfe. Sie durchläuft den Zug von hinten nach vorn. Als sie auf meiner Höhe ist, kommt von hinten eine Frau herbei, stellt die Bittende und spricht auf sie ein. Eine frohe Botschaft: Du bist nicht allein, never give up your spirit, du bist stärker als du anzunehmen bereit bist. Und so weiter. Gut gemeint. Eine Umarmung, ein Tätscheln, eine Zufriedenheit. Schon ist die trostspendende Matrone zurückgekehrt zu ihrem Sitz. Die Betroffene geht in Fahrtrichtung weiter, braucht neben Ratschlägen und Ermunterungen noch ein bißchen Geld. Dafür bewegen wir uns alle.

Long may you run

Wortgewalt

Gar nichts läßt sich predigen. Gott nicht, die Welt nicht, der Genuß nicht – die Askese ebenso wenig. Die Prediger möchten appellieren und erinnern: Das wußtet ihr doch schon einmal besser oder genauer! Darin ähneln sie den Pädagogen, nur daß diese, sofern sie etwas wissen und können, nicht predigen. Was habe ich euch gesagt? Irgendwas wurde wohl gesagt, zu irgendeinem Zeitpunkt und nach Plan des Sprechenden. Ja. Hat das jemanden interessiert? Meistens gibt es einen, den es interessiert hat. Ansonsten? Ansonsten geht das Leben weiter, jeder macht was, wichtig oder nicht. Darin besteht das Wunder des Lebens, wenn man mag. Wenn man nicht mag, geht es trotzdem weiter.

Wortgewalt

Wanderer 2

Eine Zeitlang war es annehmbar, anderen Leuten beim Leben zuzusehen, ästhetisch aufbereitet, so daß es gut aussah und zu fesseln verstand – ich würde fast sagen: ich verschwand in den Filmen und Filmserien. Vermutlich suchte ich dort Schutz. Die Geschichten anderer Leute lenkten von der eigenen ab, die mir nicht stimmig schien. Die Krisenjahre schmerzen nach. Ich möchte in ein eigenes Leben zurückkehren, nachdem es jahrelang okkupiert worden ist. Andere können das offenbar – sie leben an den vermeintlich großen Themen ihrer Zeit vorbei und widmen sich einem Werk, das später dann weithin sichtbar aus bloßer Zeitgenossenschaft herausragt. Soweit bin ich nicht. Ich strauchle hier unten im unabgehobenen Leben herum, stottere einstweilen und notfalls, komme aber wieder, metaphorisch gesprochen, auf die Beine. Nichts ist mir lieber als zu gehen.

Wanderer 2

Aus dem Zusammenhang 384

„Und genauso suchte ich um meiner Kunst willen (in meinem Fall Prosa, Geschichten) (Summierungen in Erzählform, was ich gesehen und wie ich es gesehen habe) nach einem friedlichen, der Kontemplation und ihren Annehmlichkeiten gewidmeten Leben, doch suchte ich danach auch als meine Art zu leben, das heißt die Welt vom Standpunkt der Einsamkeit aus zu sehen und dabei über sie zu meditieren, ohne in ihr für seine Schrecken & Greuel schon notorisches Geschehen hineingezogen zu sein – Ich wollte ein Mann des Tao sein, der die Wolken beobachtet und die Weltgeschichte darunter wüten läßt (was man seit Mao & Camus nicht mehr darf?) (das wollen wir doch erstmal sehen) – Nicht im Traum aber hätte ich geglaubt, ich mit meiner großen Entschlossenheit, meiner Erfahrung in der Einsamkeit und meiner Freiheit der Armut – nicht im Traum hätte ich geglaubt, daß der Weltbetrieb auch mich kassieren würde – ich hielt es nicht für möglich, daß … Doch gehen wir in die Einzelheiten, sie machen das Leben aus …“

Jack Kerouac, Desolation Angels [1965]

Aus dem Zusammenhang 384