Hand darauf

Es ist nicht wirklich dunkel, nicht einmal jetzt. Nacht in Berlin, kurz nach halb zwölf, bald Mitternacht. Es hat geregnet. Schlafen die Leute jetzt? Was ist mit den anderen? Ich kenne mich nicht aus im Leben der anderen. Der Tatort ist geschaut, die Nachrichten sind eingegangen. Was tun all diese Leute, die ich kenne? Ich sitze hier herum und schreibe aus der Situation heraus. Der Computer atmet warm und hörbar. Ich werde morgen den Montag feiern, das habe ich noch nie getan. Nein, ich handle hier nicht von Langeweile oder Dekadenz. Ich spüre Existenz.

Hand darauf

Tage wie streunende Hunde (Zitat)

Ein Tag, der gut begann. Ein paar Ideen, ein paar Sonnenstrahlen. Eine Blume umtopfen, den Ofen reinigen. Sinnvolle Tätigkeiten, ein Erfülltsein im Gegenständlich-Lebendigen. Ich schrieb ein paar Zeilen zum vorherigen Tag, traute mich sodann an eine handwerkliche Aufgabe und vermochte sie zu lösen. Wie dramatisch ich die sogenannten Probleme nehme – ich lache nun schon selbst. Es begann zu regnen, ich ging spazieren unter einem Regenschirm. Der Geldautomat gab Geld aus, ich trank ein Flaschenbier in der Bar der Angst und des Glaubens. Etwas in der Luft hatte sich draußen verändert, die Feuchtigkeit zugenommen, ich ging langsam. Ein Tag kippte um. In der Bar spielte sich der Sonntagnachmittags- und vorabendblues: lang, schwer, ausweglos. Zäh verlief die Zeit, man hätte Klebstoff aus ihr formen können. Ich bin für die Gründung eines Selbstmörderklubs und werbe für den Eintritt, ich selbst bin längst Mitglied. Es wunderte mich nicht, beträte jemand das Lokal und schösse uns alle über den Haufen. Zum Glück geschah nichts dergleichen. Ich lief zurück nach Haus und sah ein wenig Fußball, wenigstens dort wurde gesiegt.

Tage wie streunende Hunde (Zitat)

Versteht sich vielleicht von selbst

Wir sorgen uns gegenseitig. Darin ist Liebe. Die ich kenne, streben das Gute an. Unsere Verhältnisse ergeben kein Friede Freude Eierkuchen. Das ginge gegen den berechtigten Stolz und widerspräche unseren Selbstverständnissen. Wir kämpfen weiter, jedoch friedlich. Unsere Kämpfe sind Umarmungen, wie beim Ringen. Es gibt keinen Punktrichter. Wir bestimmen selbst, wann was endet und wann was beginnt.

Versteht sich vielleicht von selbst

Schärfer stellen 2

Manchmal trage ich Sorge, daß Texte mißverständlich sein könnten oder mißverstanden werden. Dann versuche ich mich zu beruhigen, nämlich dahingehend, daß die Mißverständnisse zum Leben gehören wie die Fehlverbindungen oder das Verpassen eines Anschlußzugs. Nicht angenehm, nicht sonderlich schlimm. Wer schreibt und veröffentlicht, darf lernen, die Kontrolle abzugeben. Kontrolle handelt von Angst. Ängstlich zu veröffentlichen ist eine wacklige Operation, einen Text jedoch in alle denkbaren Richtungen auf die Möglichkeit eines Eindringens von Mißverständnissen abdichten zu wollen ein Akt der Unmöglichkeit. Wo Wörter sind, wächst die Gefahr der Fehlverbindungen. Zugleich können sie solche zeitweilig ausräumen. Die warme und bestimmende Macht hinter den Worten ist das Entscheidende.

Schärfer stellen 2

Abschiedsgrüße einstweilen

In Berlin fällt es schwerer, an Normalität zu glauben. Insbesondere deshalb bin ich hier. (Nicht wegen der Regierung, nicht wegen der Institutionen. Die ließen sich auch aus der Ferne besichtigen.) Heute ging einer durch die Untergrundbahn und war derart ’stoned‘, daß sein Nochgehen- oder schlurfenkönnen allein Respekt hätte einfordern dürfen. Der Zerstörte sah aus wie der schlaksige Frontmann einer Band, die Lieder für die Unverstandenen spielt, ein Herzensbrecher, ein Mädchenschwarm. Ich will sagen, er sah auf diese gefährliche Rock’n’Roll-Art ‚cool‘ aus. Sein trüber Blick ging, kaum sah ich ihm kurz in die Augen, bereits woanders hin, richtete sich ins Innen des Elends und des eigenen Verderbens, tunnelte sich durch das Dunkel ins Licht der erwarteten Dosis zur Erlösung.

Abschiedsgrüße einstweilen

Schlingpflanzen

Lethargie und Apathie täuschen. Die Leute sind hellwach. Man fummelt unaufhörlich an ihnen herum, möchte dieses, fordert jenes. Sie sind nicht müde, vielleicht ein bißchen schon, nein: sie sind schlau. Sie warten ab, harren aus, überlegen gründlich. Man hat sie als Stimmvieh diskreditiert, dann umworben. Mal so, mal anders. Die Wahlentscheidungen fallen emotional-rational, nicht umgekehrt. Die Selbsttäuschungen der Intellektuellen, falls das die zutreffende Gruppenbezeichnung ist, sind legendär. Sie glauben und vertrauen ihren selbstgeschaffenen Erzählungen, kennen kaum die anderen. (Carl Einstein nannte das Die Fabrikation der Fiktionen.) Es wird noch einmal gut gehen, beten sie in den gottlosen Himmel. So gut ich das verstehe, erstaunt mich die Naivität. Als hätte man ernsthaft geglaubt, die anderen seien oder träumten wie man selbst.

Schlingpflanzen

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Der Sommer macht, daß in der Welt wieder Platz ist. Und läßt nicht sich jetzt erst atmen, weit und frei. Steine fallen vom Herzen, man müßte sie zählen und wiegen. Wenn sie jetzt noch den Frieden schafften dort, wo sie streiten um des Kaisers Bart und Krone – ich würde auf der Straße tanzen. „Jeder geliebte Gegenstand ist der Mittelpunkt eines Paradieses“, schreibt Georg Philipp Friedrich von Hardenberg, der sich Novalis nannte, in seinen Blütenstaub-Fragmenten. An anderer Stelle: „Wir sind auf einer Mission: zur Bildung der Erde sind wir berufen.“ (Fragment 32) Zur Situation vielleicht dieses: „Grober Eigennutz ist das notwendige Resultat armseliger Beschränktheit. (…) Kein Wunder, daß der durch die äußeren Verhältnisse par force dressierte Verstand nur der listige Sklave eines solchen stumpfen Herrn ist und nur für dessen Lüste sinnt und sorgt.“ (77) Als Schlußstein setzt er: „Die Kunst Bücher zu schreiben ist noch nicht erfunden. Sie ist aber auf dem Punkt, erfunden zu werden (…)“ (114)

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