Nein, nicht lustig

Angespannte Zeit, jeder spürt es. Nicht erst seit gestern. Spannung verweist auf Energie, die sich entladen wird. Unaufhörlich schwatzen sie von einer Spaltung der Gesellschaft und laden damit die Pole zusätzlich auf. Wir müssen das Puff zusammenhalten, sagte ich gestern oder vorgestern. Ich hätte es auch vor zwei oder sechs Jahren sagen mögen. Man kann nicht fortwährend rechthaben wollen gegen die vermeintlich anderen. Dies in beide Richtungen gesprochen, da ich die unabhängige Position bevorzuge, die sich auf alberne Scharmützel nicht einlassen wird. Wobei Scharmützel ausdrücklich die Hoffnung enthält, daß die Auseinandersetzungen klein und begrenzt bleiben. Eine Vorahnung des Schlimmsten durchweht unsere gemeinsamen Tage.

Nein, nicht lustig

Schwanz einziehen

High Noon oder Zwölf Uhr mittags von Fred Zinnemann aus dem Jahr 1952. Der Film führt vor Augen und Scham, was ein Bürger ist. Wächst die Bedrängnis, weicht er zurück; wird sie real, ist er verschwunden. Stets mit Argumenten versorgt, sich letzten Endes das Geschehen zu eigenen Gunsten zurechtlegend. Ist der Spuk vorbei, kommt er zum Vorschein und bespricht die Lage, behauptet sonstwas. Ihm wäre lieb, wenn alles recht schnell vergessen würde, insbesondere das eigene Versagen darin.

Schwanz einziehen

Ein handtellergroßes Efeublatt

Pfingsten ist dem Nachdenken und der Meditation über Geist gewidmet. Auch der über Geister. Das sind immaterielle Kräfte und Gewalten. Nichts Genaues weiß man nicht, sagte mein einer Bruder damals in den Zeiten und Phasen unseres Heranwachsens weiter hinten auf dem Dorf, ausgesetzt und geschützt zugleich, wir würden alles eines Tages auseinanderklamüsern: Wer von wem was hat und deshalb dieses tut und jenes läßt. Familienzeug. Ich saß heute im Freien und widmete mich dem Geist, also jener Struktur, die über allem zu schweben scheint, jedoch in allem steckt bis ins Einzelne und sämtliches Leben bestimmt. Lange besah ich ein Blatt, später meine linke Hand. Ich saß in der Ordnung der Welt an einem bestimmbaren Ort und versuchte zu verstehen, was vorhanden ist, was geschieht, was möglich ist, was nicht. Ich schrieb seitenweise, als sei das nötig.

Ein handtellergroßes Efeublatt

Das Messer, die Freiheit

Das Kameraauge ruht eine Weile zu lang auf dem Messer, das aufgeklappt auf dem Nachttisch liegt. Der Verwundete ist mit Stricken an das Bett gefesselt. Er trug eine Ledertasche voller Geld bei sich. Der Farmer fand den Fremden, halb verblutet und bei schwachem Puls, in einer Bodensenke unweit des eigenen Anwesens. Er war suchen gegangen, denn ein Pferd erschien auf dem Grashügel, das war ohne Reiter, und der Sattelknauf war blutbeschmiert. Die Filmgeschichte geht weiter, und der Sohn des Farmers, der in einem Alter ist, da man seine Eltern zu verachten versucht, wird einen fürchterlichen Fehler begehen, indem er dem Fremden die Chance gewährt, die realen und zugleich symbolischen Fesseln zu lösen. Aus solchen Fehlern besteht unser Lernen. Der Film heißt Old Henry und ist aus dem Jahr 2021, gedreht wurde im Grasland von Tennessee.

Das Messer, die Freiheit

Worüber zu schweigen ist

Wissen und Weisheit. Sie zu verbinden wäre ein Skandal, der nicht unbemerkt bliebe. Allerdings treten wir hierzulande unter erschwerten Bedingungen an. Weisheit zählt im Alter, vorher nicht. Wissen scheint Vorsprung zu gewährleisten und zum Erfolg zu geleiten, nur daß undeutlich bleibt, wohin beide führen. Erfolg ist, was erfolgt. Vorsprung ist der eine Satz nach vorn, dem die anderen nachsetzen. Man spielt mit und unterwirft sich den Regeln des Spiels. Daher auch die Begeisterung für Fußball und das Wettkampfliche. Gemeinschaftlichkeit und Gewöhnlichkeit. Wissen ist Macht. Weisheit ist Machtverzicht.

Worüber zu schweigen ist

Zeitkonto

Nebenbei sehe ich Filme und weiß genau, daß sie mich nicht interessieren. Sie sind ein Zeitvertreib. Als wollte ich die Zeit vertreiben. Ich möchte sie auch nicht halten. Aber vertreiben möchte ich sie durchaus nicht. Sie darf anwesend sein und bleiben. Zeit ist immer da. Ich empfinde das als tröstlich. Daß sie einem genommen wird, mag ich nicht zuende verstehen. Daß man Zeit spart, verstehe ich ebenfalls nur mit Mühe. Neulich saß ich mit Eiligen, die Gegenwartsmenschen genug waren, um mir erklären zu wollen, daß es ein Vorteil ist, von Berlin nach München mit der Bahn zu fahren und dabei eine halbe Stunde früher am Ziel anzukommen, und daß es keinerlei Diskussion bedürfe, dafür Landschaften zu zerschneiden und etliche Tunnel durch bergige Hindernisse zu treiben – für eine halbe Stunde Zeitgewinn. Wer gewinnt wessen Zeit? „Ich habe keine Zeit“ heißt doch seit Anbeginn „Ich habe keine Lust.“

Zeitkonto