Die Alten

Als Kind habe ich die Alten bestaunt. Sie saßen auf Stühlen vor Häusern im Schatten und schauten gedankenverloren auf die Straße und das, was sich dort tat. Ihnen schien das genug, sie waren genügsam. Als ich ganz klein war, dachte ich, daß sie mit uns würden spielen wollen. Heute weiß ich, daß sie es taten, wenngleich auf ihre Weise.

Die Alten

Ich weiß, daß du weißt, daß ich weiß

Ich sehe den Schauspielern zu und bewundere sie. Sie spielen, als sei es echt. Sieht man mir zu, fühle ich mich wie ein Schauspieler. Dies geschieht unweigerlich. Ich bin nicht mehr echt, sieht man mir zu. Denn ich spüre die Blicke. Unter den Blicken und der Aufmerksamkeit verändere ich mich. Man soll echt sein, sagen sie. Ich versuche es. Eigentlich bin ich es, doch dann spüre ich die Blicke und weiß, daß geschaut und bewertet wird. Ich möchte nicht bewertet werden. Dabei bewerte ich selbst, indem ich andere beobachte. Ich sage mir: Keine Bewertung. Doch das gelingt noch nicht. Allerdings übe ich und setze die Übungen fort.

Ich weiß, daß du weißt, daß ich weiß

Auf Bewährung

Durststrecken, sagen sie. Nicht jeder kennt Durst. Wüstenwanderung. Himmelfahrtskommando. Auswilderung. Herrschaft durch Sprache. Verfügungsgewalt ohne wirkliche Macht. Täuschung und Enttäuschung. Erst der Blitz, dann der Donner. Schon vorbei. Ängstliches Menschenwesen. Eine einzige Nacht allein im Wald hilft heilen. Eine Reise in ein Land, in dem niemand deine Sprache spricht und die Schriftzeichen zunächst unverständlich sind – und bitte wer ist der Idiot? Das Anmaßende am menschlichen Geist, dieser biologisch-soziale Mißbrauch von jedem auch nur klitzekleinen Vorsprung. Daher die Neigung zu blumigen Illusionen, religiösen Auszeichnungen und anderen Selbstbeweihräucherungen der Spezies. Man trägt Kleider, man zeigt sich nicht nackt. Schließlich glaubt man der Kleidung.

Auf Bewährung

Wann begannen wir uns zu mißtrauen

Dinge oder Dinger? Die einen dreht man, die anderen stehen herum. Hübsche und raffinierte Sprache, in der wir herumturnen wie die Äffchen auf der für sie installierten Schaukel. Ist die Sprache ein Käfig oder der Ausgang zu einer Art Freiheit? Offenbar doch wohl beides, so erlebe ich sie. Bildwechsel: Die Sprache ist verführerisch, köstlich, spendend. Sie gibt aus ihrer Fülle demjenigen, der zu empfangen vermag. Anderentags ist sie verschlossen, geizig, versagend. Manchmal können wir sprechen, manchmal nicht. Oft genug fehlen die Worte. Warum – folgen sie lediglich? Wem denn? Läßt sich denken ohne Sprache? Sollten wir Spionage im Gehirn betreiben, um dies zu klären? Wer sind wir, solcherart mit uns umzugehen?

Wann begannen wir uns zu mißtrauen

Sonnenlächeln aufgespannt

Der Sommer ist da. Stabilität und Labilität. Man achte auf sich selbst. Den einen Tag existiere ich, anderntags zerfalle ich zu Staub. Je älter ich werde, desto schlimmer wird es mit dem Frühling. Er ist, als müßte ich im „Tiefgang“, wie sie bei der Bundeswehr damals sagten, über ihn hinwegrobben, sofern er Erde ist, oder unter ihm hindurch, und oben ist Draht gespannt. Nur Zivilisten schwärmen vom Militär, alle anderen wissen Bescheid.

Sonnenlächeln aufgespannt

Locker

Ich werde zugeschüttet von Anliegen. Gute Nachricht immerhin: Alle, die was wollen, streben das Gute an. Ich soll helfen, indem ich zustimme, unterschreibe, unterstütze. Ich soll ziemlich viel können, glaubte ich den Anschreiben und Appellen. Wir müßten nur noch mehr werden. Endlich würde es selbst dem Letzten klar. Vorher und einstweilen müssen wir es aushalten und zu leben versuchen in Unsicherheit und Uneindeutigkeit. Kriegen wir das hin?

Locker

Die Gabe

Ich habe schon vergessen, wann es war. Ich könnte nachschauen, habe es irgendwo notiert. Wiener Straße, ein Tag im zweiten Drittel des Frühjahrs, nachmittags. Ich stehe an einer Fußgängerampel, weil es mir gefällt, dort zu stehen und zu warten, bis die Signalfarbe umspringt. Ich habe nichts vor, will nur spazieren. Schon gehe ich weiter. Zwei unauffällige Männer mittleren Alters kommen mir entgegen. Der eine der beiden streckt mir einen Kugelschreiber entgegen, sagt im Vorübergehen: It’s a fine pen, take it. Ich nehme ihn an, bin leicht perplex, wende mich im Weitergehen um und frage: Kannst du ihn nicht gebrauchen? Nein, sagt er, der ist für dich. Er spricht Deutsch mit englischem Akzent. Jetzt liegt der Stift hier, ich habe eben begonnen, mit ihm zu schreiben.

Die Gabe

Es geht um das Leben

Es wird Abend, das Tagwerk ist getan. Die Menschen kehren heim. Auf den Dächern sitzen Tauben und rufen die Nachrichten. Eben noch schlugen die Glocken vom Kirchturm her. Der Himmel bezieht sich mit Wolken, es soll regnen. In die ewigen und die alten Bilder und Geschehnisse schieben sich die neuen. Ich habe Jakob Böhme gelesen, das verändert den Blick. Wir durchqueren Landschaften der Seele. Noch sitze ich still und lausche. Vorhin schrie ein Kind, als ginge es um sein Leben.

Es geht um das Leben

Du mich auch

Wie froh ich bin, nicht aus den Villenkolonien berichten zu müssen. Man hätte anspruchsvolle Nachbarn und beobachtende Bewertung.

Hier im Armenviertel lassen wir uns leben ohne sonderliches Beachtetwerden. Die Nationen und Herkünfte geben sich die Hand oder verfluchen einander, es gibt keine Etikette. Die Händler kennen ihre Kunden und umgekehrt. Keine Krähe der anderen. Die Greifer sind auf den Straßen, man muß achtgeben.

Die Konkurrenzfeindschaft der Bürgerlichen findet anders statt. Man bricht nicht ein, nicht physisch. Manche arbeiten mit Flüchen (spirituelle Aktivierung), andere agieren stumpf und demonstrativ mit Neid und Mißgunst. Die bürgerliche Sphäre ist mit Angst einer anderen Art aufgeladen. Scheele (abschätzige) Blicke, Taxierungen, üble Nachrede.

Das Leben kommt nicht zur Ruhe. Nirgendwo. Jederzeit herrscht Kampf. Daß das nicht jederzeit bemerkt wird, ist zivilisatorische Errungenschaft.

Du mich auch