Etagenkellner

Statt der Hölle hatte ich mich für den Himmel entschieden. Man verständigte sich im stummen Bereich über Wortkarten. Jemand hielt in die Luft, was er fragen wollte: |Hast|du|Gott|gesehen?| Ich antwortete wahrheitsgemäß (man kann dort nicht die Unwahrheit sagen), ebenfalls über Karten: |Ja.| Die nachfolgende Frage lautete: |Hat|er|gesprochen?| Ich antwortete wahrheitsgemäß: |Nein.|

Was ist denn in der Hölle los? fragte ich im akustisch aufgeschlossenen Bereich. Nichts, gab ein Typ, der aussah, als könne er Engel verführen, zur Antwort. Warst du dort? traute ich mich zu fragen. Ja, gab er zur Antwort, zog an einer Zigarette. Es ist dort nicht heiß, es ist fade. Wer kommt dorthin? setzte ich nach. Idioten aller Coleur, sagte er. Und du? fragte ich. Befördert, sagte er.

Etagenkellner

Eher unwahrscheinlich, doch nicht unmöglich

Jederzeit läßt sich sonstwas vorstellen. Die Empfindsamen sehen Gespenster, die erst Wochen später den anderen erkennbar werden. Wäre Deutschland mein Patient (Gott bewahre), würde ich ihm oder ihr Ruhe empfehlen. Während die kopflosen Aktionismen der politisch Mächtigen an den Angeln rütteln, ist die Kraft des Unirritierbaren vonnöten. Für die Spürsamen bedeutet dies: nicht länger mitschwingen und innerlich erbeben, vielmehr: sich sammeln, gefaßt sein, um wissen oder ahnen zu können, was man als nächstes sinnvollerweise tut oder läßt. Die Verhältnisse sind schwierig und wirken verkantet. Man schaut, ob die alte Ordnung noch hält, und fragt, für wie lange. Mag jedoch sein, daß die Götter Verstand in die Geschicke der irdisch Mächtigen schleudern.

Eher unwahrscheinlich, doch nicht unmöglich

Sich regen 2

Nun hat es geregnet und regnet noch. Windböen rasen durch die Straßen wie Gehetzte. Eine von ihnen schlägt unter die Markise und schüttet einen Wasserschwall auf den Gehweg, daß es spritzt. Den Regenschirm habe ich eingeklappt, um nicht fortgetragen zu werden vom Wind wie der Fliegende Robert. Was suche ich dort draußen, wo Wind und Wetter das Sagen haben? Frische Luft und Sonntagnachmittagsregenideen. Zwanzig bis dreißig Liter pro Quadratmeter fallen vom Himmel. Es regnet leise weiter.

„Wenn der Regen niederbraust,
Wenn der Sturm das Feld durchsaust,
Bleiben Mädchen oder Buben
Hübsch daheim in ihren Stuben. —
Robert aber dachte: Nein!“

Sich regen 1 erschien am 26. April 2015 auf diesen Seiten und endete mit den Worten „Nicht einmal sterben lassen sie einen ohne Sätze.“

Sich regen 2

Nachgesagt

Wir werden uns nach all dem sehnen, später einmal. Wir werden die Bilder aufrufen, wieder und wieder, wie es aussah damals am, sagen wir mal: 18. April nachmittags, als ich feststellen mußte, daß in keinem der Biergärten ein Platz frei war oder die Schlangen derer, die um ein Getränk anstanden, so lang war, daß ich die Lust verlor und weiterging, ins Wohnviertel hinein, und schließlich eine Bar fand, die nicht im allgemeinen Begehren überrannt war. Wir werden uns nach all dem sehnen, wenn es nicht mehr möglich ist, solches oder auch nur ähnliches zu tun. Dafür wird es gewiß einen Grund geben, der wird bekannt gegeben werden.

Nachgesagt

Kopfsteinpflaster 2

Rückzug in den Garten, ins gemütlich Schöne, in die alten Glaubensbilder mit ihren Heimatversprechen für die wunde Seele. Biedermeier-Zeit. Zeit für gepflegte Innerlichkeit und gesteigerte Empfindsamkeit. Denn das Politische enttäuscht. Es enttäuscht fortwährend, widerläuft den Erwartungen, die wenig mehr waren als fromme Hoffnungen. Den Enttäuschungen werden Täuschungen vorausgegangen sein. Nehmen wir die Sprache und das Sprechen beim Wort. Später wird man auch diesen Rückzug „hochpolitisch“ nennen. Die Helden, sofern man welche hatte, sind in der Arena der Debatten und des besseren Arguments zerschellt; die Falschen, sofern es solche geben kann, tragen Gewinne davon. Einstweilen. Die Waage senkt sich zu niemandes Gunsten, doch die steilen Hoffnungen der Reformer (Gesellschaft, Sprache, Ökonomologie) sind zerstäubt. Wohin jetzt?

Kopfsteinpflaster 2

Weißes Pflaster

Wer liest heute noch literarische Blogs? fragte kürzlich ein Veranstaltungshaus, die Lettrétage. Das ließ mich jubeln. Man muß lieber früher als später aus den Trends ins Freie gelangen. Die Bezeichnung Blog empfinde ich ohnehin als häßlich und abstoßend, wenngleich ich einem Logbuch viel abgewinnen kann, sofern von einer Reise in ein Unbekanntes die Rede ist. Dies ist eine Textrolle, sie reicht bis ins Frühjahr 2015. Rollte ich sie aus und legte sie auf eine Straße, könnte man auf ihr einige Zeit gehen. Da ich mich nicht zu den Quantitativen rechne, bleibt es bei dieser kurzen Vorstellung. Zudem wollen wir Papier sparen, keinesfalls jedoch Geist.

Weißes Pflaster

Tage zählen

Jetzt schreibe ich schon über Fußball, es scheint mir gut zu gehen. Allmählich entlassen aus der Frühjahrswiedergeburtsquälerei. So also fühlt es sich an, frei zu sein. Mir ist, als ließe sich wieder denken und phantasieren, ohne tags darauf Schläge zu beziehen oder erneut eingesperrt zu werden. Daß ich im frühen Frühjahr schlappmache, hängt damit zusammen, daß ich den Winter überstanden habe. Dann ist nichts mehr übrig; es deprimiert mich die bloße Hoffnung. Nachher zähle ich mal die E-Scooter auf dem Fußweg zur Untergrundbahnstation. Letztens waren es siebzehn, dann einundzwanzig. Heute werden es dreizehn sein. Gestern (da war es auch schon gut) wußte ich noch, was ich zur sogenannten Weltpolitik schreiben könnte.

Tage zählen

So passt das eine zum anderen

Fußball geschaut, Champions League, Bayern München gegen Real Madrid, Viertelfinalrückspiel, mein Lieblingsspieler des FC Bayern ist Michael Olise, geboren am 12. Dezember 2001. Allmählich versteht auch die Fußballwelt, wer das ist. Zuvor hatte sie sich bei Dayot Upamecano (Jahrgang 1998) schwergetan. Schaut doch mal hin! Man mäkelt einstweilen. Es geht aber nicht um Talente, aus dem undankbaren Talente-Status sind sie längst entwachsen. Die Augen der Fans gehen in andere Richtung, kaprizieren sich auf sogenannte Stars. Die wirklichen Stars verwandeln einstweilen den Fußball. Zeige mir einen Fehlpaß von Olise, dann einen zweiten. Das ist die Lage. Nach ihrem Sieg spielen die in Deutschland angeblich ungeliebten Bayern im Halbfinale gegen Paris St. Germain, es gibt Hin- und Rückspiel. Ich habe Fußball geschaut in einer Kneipe. Bei internationalen Spielen sind dort alle für Bayern, national mag man die Gegner, die am Nimbus kratzen könnten; die Bundesliga soll nicht langweilig werden. Insgeheim ist man stolz auf den FC Bayern, entschieden uneingestanden.

So passt das eine zum anderen