Sehe gerade, wie Die Kennedys sich durchbeißen müssen, man möchte nicht tauschen. Kanadisch-amerikanische Produktion aus dem Jahr 2011. Invasion in der Schweinebucht, Kuba-Krise, Ehekrise, psychochirurgisch vernichtete Präsidentenschwester (Lobotomie durch Walter Freeman 1941), anschließend die Attentate, anderes mehr. Die Geschichte einer Heimsuchung, mehrfach verfilmt. Fast nimmt man ver-filmt wörtlich.
Autor: Holger Tegtmeyer
Pneumatisch
Gefühl: Jetzt ist es gut. Zurück im Kleinen Fahrzeug, das Ich heißt. Vorher lief ich ihm hinterher, zu Fuß und langsam, reduziert und schwach, nicht bei Kräften, schwach bei Verstand. Das war nicht Routine, das war Deprivation (Entbehrung). Es läßt sich nicht allein auf die Jahreszeiten und die Witterung zurückführen, nicht auf die vermaledeite weltpolitische Lage, sondern auf etwas, das alles umspannt und bis in Kleinste wirkt. Oft ist mir, als sei nicht recht verstanden, was Geist eigentlich bedeutet. Was Geist sein kann, spüren wir in der Begeisterung, negativ in der Entgeisterung. Wir sind verbunden, wissen aber nicht recht wie. Solchen Überlegungen hänge ich nach.
In diesen geistfernen Zeiten, schrieb Hans Wollschläger (1935-2007) ein Buch. Es erschien 1986. Er nannte es im Untertitel „Konzertante Notate zur Lage der Dichter und Denker für deren Volk“. Geistfern – geistnah? Ach, ich weiß nicht. Am Politischen scheiden sich die Geister, sogar am Geschmack. Arno Schmidt, Wollschlägers Mentor, verachtete Leute, die nicht genug gelesen hatten. Andere vertreten die Auffassung, man müsse Lebenswissen erwerben, um es mit dem Schul- und Bücherwissen abgleichen zu können.
Eitle Menschen sollten nicht für sich den Geist reklamieren. Auch andere können denken, empfinden, sich äußern oder schweigen. Der Geist scheint mir etwas zu sein, sofern ich das wissen kann, das sich nicht für eine Sache oder Ansicht, ein Anliegen oder eine Theologie reklamieren läßt. Er ist das potent Unsichtbare zwischen uns allen, den Toten, den Lebenden und den Ungeborenen, die „spirituelle“ Ladung der immateriellen Struktur des Lebens. „An der hängen wir, unabkoppelbar, existentiell.“ (Vgl. Eintrag vom 17. März 2026, Statt des Nachrufs, https://texteundtage.de/2026/03/17/statt-des-nachrufs/)
Leinwand
Die Turbulenzen nehmen zu, sind laut und lästig. Man könnte sich aufregen oder müßte es tun. Manche regen sich auf und tun was. Anschließend ist es geschehen und getan. Man putzt die Küche nach dem Kochen, sie soll strahlen.
Ich denke an die anderen – an die, die zwar alles verstehen, aber dennoch leise sind. Als drängte nichts sie ins sogenannte Handeln oder als wüßten sie tief genug, um nicht zu irren, daß die Öffentlichkeit ein unheimlicher Ort ist.
Die Öffentlichkeit ist wie Kino, ein Austragungsort für Projektionen. Solange eine Person, ein Thema, ein Konflikt nicht reif genug ist, erfolgt keine Projektion.
Wann bist du soweit, Fremder? Und willst du, was du willst? Wer will, daß du willst?
Wir sind mit unserer Zukunft unvertraut
Warum fürchten wir den Tod derart, daß wir vor einer Leiche zurückschrecken? Wir enden schließlich alle so, kalt und starr. Hat uns jemand anderes in Aussicht gestellt? Ich erinnere mich der Pathologin, die sagte, Leichen seien ästhetisch. Vielleicht fürchten wir, daß eine Leiche mit einem Mal aufspringt und sich lebendig zeigt wie kaum jemals zuvor. Filmhorrorszenarien. Die Toten mögen tot sein, die Lebenden lebendig. Dazwischen soll nichts sein, außer dem Sterben. Ich kenne Leute, die sind schon recht erwachsen, aber haben nie eine Leiche gesehen. Wie ist das möglich? Es sterben doch ständig Leute, wohin räumt man denn deren Körper, daß niemand sie mehr sieht?
Frieden auf Erden
Fröhlich erwacht, trotz einer nicht enden wollenden Müdigkeit. Ging mir je ein Frühjahr derart auf die Knochen? Rettender Gedanke: Ich könnte mich auf Texte und Tage vergnügen. Schon bin ich hier, leere Seite, alles weiß. Worüber ist an einem Sonntagvormittag zu sprechen, während die allerletzten Reste des christlichen Abendlandes auf den Kirchbänken sitzen und es nun gleich geschafft haben? Frieden auf Erden – oder im Kontext des Lukas-Evangeliums: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ Wie man es mit Gott hält, ist die eine Sache. Er sollte nicht als Vorwand dienen, das Friedensgebot zu brechen. Wer oder was treibt Menschengruppen in Konflikte, die sich verschärfen und in Kriegshandlungen münden, wenn man die Bestie erstmal angefangen hat zu mästen? Sprechen die Waffen, sterben die Menschen. Da das unerträglich ist, muß die Moral her – irgendein Gutes und unbezweifelbar Richtiges. Die muß in die Köpfe und Herzen gepreßt werden, bis keiner mehr Fragen hat. Ich beobachte das seit ein paar Jahrzehnten und bin vielleicht deshalb so müde, so erschöpft. Fast schon untröstlich. Warum denn immer wieder? würde ich Gott fragen, aber besser richte ich mich an die berührbaren und verführbaren Menschen.
Über Geschmack
Geschmacksbildung: wann, wo und wie sie beginnt. Warum ist es mir nicht möglich, ein Wort wie „knuffig“ zu verwenden? Weshalb zucke ich zusammen, wenn jemand sagt: „in die Tonne treten“ oder „in der Pfeife rauchen“? Man muß ja nicht ins Politische – es strotzt von geschmacklosen Termini. Beispiel: „Migrationshintergrund“. Selbst bei „wertschätzend“ zucke ich zusammen, der Humor assistiert und versteht, daß ein Wert geschätzt, nicht bestimmt werden kann. Phrasen schmerzen erst im Kopf, dann im Körper. Von Farben, Formen, Figuren müßte die Rede sein, doch die Sonne lacht mich aus. Tagebucheintrag heute: „Die Sonne lacht, wie wir hier sagen, von ihr kaum je verbrannt. Sonnenbrände als Kinder, wir zogen die Haut ab in langen Flatschen.“
Aus dem Zusammenhang 381
„Und noch was: Erwähnen Sie nicht, daß Sie noch nie gearbeitet haben.“
Die Kennedys, S1 E2
Standardtext: Die Ermattung
Ein für allemal. Jetzt hat es doch der letzte verstanden. Wie oft muß man das dir denn noch sagen. Jeder weiß es. Alle machen mit. Es ist richtig, glaube mir. Selbst die Zeitung schreibt, daß es. Auch im war die Rede von. Du mußt zur Vernunft kommen. Es ist ja gar nicht schlimm, es geht ganz schnell. Anschließend kannst du tun, was du möchtest, versprochen.
Vier Betonungen
Natürlich leben wir weiter.
Nebenbei bemerkt
Ich sauge die Freude aus der Luft und empfange die Liebe aus den Begegnungen und Berührungen, derer ich fähig bin. Es ist fast schon Mai, jetzt bringen sich die Leute um. Auch das scheint dazuzugehören, wenn man in einer Zivilisation lebt, die es derart auf die Spitze treibt mit allem. Sie bringt sich mit den technischen Neuerungen in erhebliche Schwierigkeiten. Mit der sogenannten künstlichen Intelligenz scheint ihr letztes Kapitel angebrochen zu sein: die Abdankung des Geistes vor der Rechenmaschinerie eines notgedrungen anwachsenden Datensatzes. Die Entzauberung wird folgen. Ich selbst warte einstweilen noch auf den Zauber, unbeeindruckt wie ein Bauer. Er hat mich bislang nicht einmal gestreift. Allein deshalb bin ich nicht Apokalyptiker. Solche Rollenliebhaberei überlasse ich den Bürgerkindern, die sind gestreßt genug und das ständig.