Im Wunderland

Man wird dies seltsam finden. Ich selbst empfinde das Befremdende daran. Zugleich jedoch das Befreiende. Ich entlasse die in Worte gefaßten Gedanken und Ideen ins, wie es scheint, Unendliche, in den Weltenraum des weltumspannenden Netzes, das weich genug klingt, daß ihm zuzutrauen sein könnte, meine kleinen Botschaften aufzufangen und zu verteilen dorthin, wo sie auf Resonanz stoßen könnten. Allerdings müßte ich Krach machen. Und schon ist es wie draußen, wie im alltäglichen Mit- und Gegeneinander, dem Aneinandervorbei des Fühlens, Denkens, Sprechens. Aber dennoch. Ich entlasse die in Worte gefaßten Gedanken und Ideen in die Weite. Weltweit jeder kann sie aufnehmen, technisch ausgerüstet, Stromversorgung vorausgesetzt. Gedanken und Ideen sollen und wollen hinaus in die große Welt. Finden sie nicht diesen, finden sie einen anderen Weg.

Im Wunderland

Emulsionen

Gäbe es eine Musik, die einzusetzen wäre, setzte ich sie ein. Nicht einmal ein Gedicht fällt mir ein, kein sonstiger Text. Ich wußte es ja früher schon: Wenn du ein Buch benötigst, das es nicht gibt, schreib es selbst. Ganz einfach. Nicht es zu schreiben, doch zu verstehen. Im Tun erfüllt sich ein Mensch, notfalls in der Auseinandersetzung mit ein paar Buchstaben auf längere Sicht. Ich bin dermaßen uneinverstanden mit dem Gerede der Hemisphären, daß mein Zorn ein Epos ergäbe. Ich legte mich mit den Göttern an, sollte ich müssen. Wer sind sie denn, daß sie nicht zu herrschen wissen?

Emulsionen

Ich will ganz woanders hin

Den Toten sage ich alles. Sie kennen kein Tabu. Ganz zu Unrecht meint man die Toten schonen zu sollen. Nichts Menschliches ist ihnen fremd. Sie haben die Sache nur hinter sich, während wir einen Teil davon noch vor uns haben. Darin liegt der Unterschied. In nichts sonst. Die Sache ist das Leben. Den Toten sage ich die Wahrheit. Sie hören zu, bilde ich mir ein. Sie sind viele, ich bin allein. In den Augen der Lebenden erkenne ich manchmal den feinen Glanz des Empfindens. Schon bin ich gerettet.

Ich will ganz woanders hin

13. April

Andere verweisen und offenbar mit Recht auf die Erfolge des wiederaufkommenden Lebens und gehen mit im Aufwärtstrend, den sie verspüren. Ein wenig irritiert schauen sie auf einen wie mich, der hängengeblieben zu sein scheint, eingefroren und erstarrt. Dabei bebt in mir alles und ist kurz davor zu explodieren. Ihr Suppen! möchte ich schreien und verstumme, ohne verstummen zu müssen, da ich nichts gesagt oder geröchelt habe. Ich habe nicht geschrien, ich schreie nicht. Gewiß, es ist Frühjahr. Ich saß ja auch schon in der Sonne oder lehnte mich an die von der Sonne aufgewärmte Friedhofsmauer, als es bereits dunkelte. In meinen Texten darf ich die Wahrheit sagen, im Gespräch mit Lebenden halte ich mich zurück.

13. April

Er friert

Die Obszönität des ausgestellten halbnackten Körpers, angenagelt an ein Kreuz. Die frivole Idee eines Menschenopfers, dargebracht den Menschen. Ein Tauschhandel mit dem Allmächtigen. Die einsaugende, allesverlangende Kraft. Man hat den Geopferten verraten. Dies geschieht Jahr für Jahr, erneuert und wiederholt sich aufgrund eines Mißverständnisses. Der Blutdurst der Götter ist unermeßlich. Mir ist, als verstünden die Christen Jesus nicht. Sie nähmen ihn sonst wärmer ans Herz und vom Kreuz. Man wird entgegnen, daß mit dem Christentum die rituellen Menschenopfer endeten, jedenfalls enden sollten. Starren wir deshalb auf den aufgespannten Leichnam und seine entsetzlichen Wunden? Er sei das letzte Opfer, ein endgültiger Freikauf? Es gäbe jedoch andere Ideen, warum man den Wanderpoeten loswerden wollte. Mir ist, als hätte er sich von seinem Gott losgesagt.

Er friert

Röcheln

Saftlos, kraftlos, fast schon hoffnungslos.

Der April zieht seine Pflugschare durch die mürben Körper der Winterüberlebenden, den Vorjahreswracks eines angekündigten und mehrfach aufgeschobenen Neubeginns. Immerhin grünt es. Die neun Bäume des Spitzahorn entlang der Friedhofsmauer zum Großen Feld, deren rote Ziegelsteine sich mit Wärme aufladen während eines Tages mit direkter Sonneneinstrahlung. Nachts noch spürt man die lebenspendende Wärme.

Saftlos, kraftlos, fast schon hoffnungslos.

Die Kräfte sind genommen. Den Winter kann ich schaffen, das Frühjahr überlebe ich schwer. Das mag eigenwillig klingen oder sonderbar umständlich derart, als wollte sich jemand interessant machen. Stelle er sich nicht so an! Tatsächlich ergeht es mir Jahr für Jahr wie beschrieben, eigentlich sogar unbeschrieben. Denn ich habe bisher nicht einmal das Mindeste gesagt über diese fürchterliche Zeit der Hoffnung.

Saftlos, kraftlos, fast schon hoffnungslos.

Nächstes Jahr mache ich weiter, setze meinen Singsang des Zugrundegehens fort. Kein Wunder, daß sich im Mai die Leute umbringen. Ich würde es im April tun. Ob das jemand versteht, ist unwichtig. Ich schaue auf die aktuelle Hervorbringung der Lavalampe: ein abgesägter Knochen des Gebeins, zwei Markkanäle. Ich denke an Eisbein. Die Schlachtereien des Lebens. Möge es Mai werden. Den Lebensjubel werde ich anheften.

Röcheln

Die Zukunft tröstet als Gegenwart

Ich tue, als sei nichts. Nehme mir die anderen zum Vorbild. Ich spreche es nicht an. Was geschehen ist, ist geschehen. Damit hat es sich. Gewiß, damit hat es sich. Es sich. Wer mit wem? Es mit sich? Schon ist das Thema flötengegangen. Man möchte Vogel sein und Lieder singen nach Vorschrift und Überlieferung. Lernen durch Nachahmung. Die Stare plündern die Gänseblümchenwiese. Das Trojanische Pferd steht auf dem Tempelhofer Feld. Berlin ist Reisen wert. Wanderer, kommst du nach dort, verweile nicht zu lange. Im Boden verbergen sich Kräfte. Ich liebe Pflanzen, Tiere, Menschen. Man sollte sie schützen.

Die Zukunft tröstet als Gegenwart

Nach Ostern

Schöner geht es nicht. Die Pferde stehen im Stall, die Hühner schlafen. Der Mond erholt sich von menschlicher Neugier. Die Waffen gehen zur Neige. Die Vorräte gehen zur Neige, die Rohstoffe gehen zur Neige. Meine Geduld ist grenzenlos. Ich wünsche dem Potentaten einen Bobbycar, er soll die Flure durchqueren, die Türen zählen und sich die Nummern merken. Später wird abgefragt. Notfalls sind neuerliche Erkundungen nötig, stets im Bobbycar, sicher ist sicher.

Nach Ostern