Es könnte ein anderer sein

Unwirklichkeitsmomente. Während die Dinge an Ort und Stelle sind, der Himmel blaugespannt über dem irdischen Leben hängt und die Pflanzen stofflich mobilisieren, bewege ich mich geistig in einem Sonst- oder Irgendwo aus Ortlosigkeit, Ratlosigkeit, Melancholie. Ich könnte jetzt angeln gehen, wüßte ich, wie das funktioniert und wozu man das treibt. Oder ein Elektromotorfahrrad erwerben und in die Prärie preschen, um dort auf einem Acker fernab jedwelcher Aufmerksamkeit energetisch und existentiell zu verenden. Die Sonne scheint wie verrückt, das ist wahr. Auch auf mich. Doch ich funktioniere nur, das ist bereits alles. Mein Leben würde ich Schweben nennen. Selten lande ich wo. Habe ich das gesagt?

Es könnte ein anderer sein

Lesen in beide Richtungen

Mit Hängen und Würgen, sagte wir damals, oder: Mit Ach und Krach. Etwas war noch einmal gutgegangen, kaum jemand hatte auf solchen Ausgang gewettet. Das Gute oder ein Annnehmbares hatten gesiegt, doch es konnte jederzeit anders kommen. Im I Ging würde man von einem Wandelzeichen sprechen. Ein Bild schlägt um in ein anderes. Knappe Ergebnisse gemahnen an den Umschwung, auch in der hiesigen Kultur. Möglicherweise beginnt Übles und kündigt noch Übleres an. Ob das unaufhaltsam ist, wird gefragt. Fast scheint es so. Die Lawine geht zu Tal, der Vulkan entlädt sich. Man geht zur Seite. Ob das Üble von der Natur eines Vulkans oder einer Lawine ist, wird sich erweisen. Mir ist undramatisch zumute. Die Wirklichkeit fräst Löcher. Ich erwarte einstweilen keine positiven Protagonisten. Die niederen Stände des Geschehens tauschen sich aus und geraten in Scharmützel. Klarheit einstweilen nicht in Sicht. Ob die Institutionen halten, ist die Frage. Ihr guter Geist muß sich erweisen, indem Repräsentanten hervortreten.

Lesen in beide Richtungen

Wir werden wieder leben

Mürrisch aus dem Haus. Dabei gab es keinen eigenen Grund, mürrisch zu sein. Ich war nicht verstimmt, nur mißgelaunt. Einer dieser Tage offenbar. In der Sonne wurde mir wohler, das geschah wie von selbst. Ich lief auf der Sonnenseite der Straße und begann zu lächeln, zunächst unmerklich, dann für andere sichtbar. Ich rief mich zur Ordnung. Der Körper wußte mehr als der Verstand. Nach zwei Stunden Spaziergang kehrte ich zurück, erschöpft von sonnigem Glück.

Wir werden wieder leben

So war es gut

Es war nicht neu, es war nicht ständig, es hieß Langeweile. Nichts, worum man sich sonderlich hätte Sorgen machen müssen. Da gab es anderes. Doch die Langeweile schnitt in den Geist, sofern man solches Eindringen hätte mit einem Schnitt gleichsetzen mögen. Es war kaum bekannt, was Geist hätte bedeuten können. Das lag in der Zeit. Man durfte Nichtwissen voraussetzen. Innerhalb solcher Grenzen fanden Handlungen statt, zuvor wurden gewisse Entscheidungen getroffen. Es vollzog sich das Blinde-Kuh-Spiel des Lebens auf gewissem Niveau. Es gab Applaus, es wurden Preise ausgelobt und verteilt. Man konnte sich beschweren, man beschwerte sich nicht – und bei wem auch? Es war so, also war es auch gut.

So war es gut

Ostersonntag auf Ostermontag

Nacht im Tunnel, Warten auf den Zug. Stimmen lauter Gruppen, die sich Ostern in Berlin amüsieren. Die einzelnen Gruppenmitglieder nennen sich untereinander „Bro“. Zwei Minuten noch, verspricht die Anzeige. „Gruppenselfies, fotografiert mit dem iPhone17pro“, sind plakatiert, die geflieste Wand lang auf beiden Seiten des Schachts. Kurz darauf: In der Bahn erklärt der Bettler, auch wenn kaum jemand zuhört, daß sie Menschen wie alle anderen sind, mit dem Unterschied, daß sie dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr um ihr nacktes Überleben kämpfen müssen. Man wird behandelt wie ein Krimineller, sagt er, oder wie der letzte Dreck. Die meisten der Fahrgäste haben Musik auf den Ohren oder dämmern vor sich hin, weiter hinten sind welche noch nüchtern genug, um sprechen und lachen zu können. Wir leben aneinander vorbei.

Ostersonntag auf Ostermontag

Die Teile und das Ganze

Wenn man zu schreiben beginnt und ambitioniert ist, denkt man, ein Text sei sonstwas. Immerhin doch etwas Bedeutsames, Großes, fast schon Unvergleichliches. Das Kunstwerk, das zu schaffen man sich bemüht, thront in einer Höhe gesicherter Unerreichbarkeit. So mißlingt das Streben und schlägt um in Enttäuschung. Vielleicht besteht das Versagen darin, sich zu einer erdachten Form einen Inhalt suchen zu wollen, irgendeinen Lebensinhalt; oder umgekehrt in der Hoffnung, eine Form würde sich von selbst finden, hielte man nur tapfer durch und schriebe sich den Inhalt aus dem Kopf und dem Herzen. Dann entsteht eine Prosa, mag sein: sympathischer Unbedarftheit, der auf dem literarischen Markt allerdings Platz eingeräumt wurde. Das Unbedarfte galt als frisch und authentisch. Solches geschieht, wenn zuvor die Manierismen vorherrschten und das Artifizielle als Kunst durchgeht. Scheitern an der Form, Scheitern am Inhalt, Scheitern nach Maßgabe der eigenen Ambitionen und den Verlockungen eines anzustrebenden Markterfolgs.

Mein eigenes Scheitern habe ich ins Monströse ausgedehnt und ausgekostet bis zuletzt. Wie von selbst gelangte ich an eine Lieblingsidee: die vom Autor ohne Werk. Denn an der Wirklichkeit werkeln wir alle herum und versuchen, Bilder der Welt zu formen – wenn auch unterschieden nach Umfang und Intensität solcher Poesie (Hervorbringung). Ich bin ein besessener Weltenbildner oder Bildwerker, in meinem Kopf geschieht wenig anderes. Dieses Werkeln und Bilden hört nicht auf, ich werde nicht fertig damit. Scheint ein Bild stimmig zu sein, berühigt sich mein Herz. Kurz darauf ergeht ein neuer Auftrag, von dem ich nicht weiß, woher er kommt. Jemand nannte es Ausdruckszwang. Damit läßt sich arbeiten. Denn vor dem Ausdruck steht der Eindruck. Das Leben, also sämtliches Geschehen, ist mir eindrücklich, und ich selbst bin mir beispielhaft nur hinsichtlich dessen, was ich wahrzunehmen vermag, wie ich es verarbeite und schließlich vielleicht auszudrücken verstehe.

Bilder und Ideen des Lebens in unserer Zeit – darum geht es. Hinzu treten Deutungsversuche, deren Scheitern die Späteren interessieren könnte. Das Scheitern ist wichtigster Bestandteil jeglicher Erfahrung und dem Gelingen vorgelagert wie eine Barriere. Sie dient dem Schutz der Wahrheit vor unbefugtem Zugriff. Eine Poesie oder eine Kunst ohne (wenigstens innere) Wahrheit ist mir nicht vorstellbar, sie glitte ab in Gefälligkeit, Belanglosigkeit und Kitsch. Sie schmerzte nicht, sie heilte nicht, sie wäre obsolet.

Auch dieser Text sollte wieder ein kurzer werden, nun gerät er etwas länger als hier üblich. Üblich sind mir die Fragmente. Fragmente eines eigenen Lebens in dieser Zeit. Dabei halte ich das menschliche Leben keineswegs für so fragmentarisiert, wie oft behauptet wird. Der Sinn für ein Ganzes ist in mir nicht zerstört worden, ich hege ihn wie von Anbeginn und verdanke ihn der Herkunft. Deshalb ist mir deutlich, wie sehr es für ein Menschenleben darum geht, einen oder sogar seinen Platz in der Welt zu finden, inmitten anderer Menschen oder etwas abseits von ihnen, um ein Angemessenes zu tun. Die Fragmente sind mir deshalb üblich und vertraut, da ich es gewohnt bin, vom Teil auf ein Ganzes zu schließen. Ein Platz für das Mosaiksteinchen wird sich schon finden im wandelbaren großen Bild des Lebens.

Im Alltag, der aus Erwerbsarbeit und allerlei Verrichtungen und Verpflichtungen besteht, läßt sich kaum zusammenhängend denken und spüren. Auch im Gespräch: man schlenzt einen Satz ins Feld des Gegenübers und erwartet den Gegen- oder Zusatz. Man muß die einzelnen Sätze mit Bedeutung aufladen, damit sie funken. So mag ein wenig Verständigung möglich sein, ein Ladungsaustausch zwischen Menschen, die einander bedürfen. Schlimm sind die, die einem Vorträge halten, schlimm man selbst, sofern man sich dabei erwischt. Der Weltenbildner will seine Werke präsentieren. Doch das Gegenüber ist selbst ein solcher und wehrt sich. Und schlimmer noch: nicht einmal schriftlich läßt sich ausreden. Erneut nur Fragmente, Beiträge zu einer unabschließbaren Idee des Ganzen.

Fragment und Totalität, Edition Suhrkamp 1984, herausgegeben von Lucien Dällenbach und Christiaan L. Hart Nibbrig – aus der Erinnerung gezogen wie ein Fundstück. Reflexionen zu Wahrnehmung und ästhetischer Erfahrung in der Moderne nebst ihres Anbaus, der sogenannten Postmoderne. Es ist nicht so, daß wir nicht wüßten. Solches Wissen hat uns müde gemacht, doch das Leben schreit und fordert uns heraus, läßt uns nicht zufrieden sein in aufgeklärter Abgeklärtheit.

Ein Text ist nicht sonstwas, sondern eine Mitteilung. Er kann auch Bekenntnis oder Geständnis sein, Klage oder Gebet, Hymne oder Verzichtserklärung (Kapitulation). Texte sind kleine Wesenheiten. Sie enthalten Leben und können Leben aktivieren. Sie sind Dauerstadien, darin den Samen ähnlich, die Zeiten überstehen in Latenz. Oder auch nicht. Ob ein Text was taugt, wird sich erweisen. Man darf nervös und ungeduldig werden hinsichtlich seines Wertes und dessen Bestätigung. Es ändert nichts. Man kann mit seinen Texten um sich werfen oder es lassen. Letzten Endes finden sie ihren Weg und erfüllen ihren Auftrag. Je ruhiger man sich werden läßt, desto tiefer sinkt solches Wissen ins bangende Herz.

Die Teile und das Ganze

Wer wir sind – wer wir waren

Jetzt bin auch ich hier ‚zuhause‘. Das Café ist eingerichtet, die Farbwahl stimmt. Das Blauschwarz symbolisiert den Himmel, kurz bevor die Nacht anbricht und die Sterne erscheinen; das Moosgrün den schattigen Grund entlang eines Baches, der durch ein Waldstück in eine Wiesenlandschaft fließt und einem Fluß zustrebt, der seine Wasser aufnimmt und dem Meer zuführt. Alles hat seine Zeit: Wasser und Schrift, Wachstum und Moos.

Man hat mir gesagt, das Jahr des Feuerpferdes sei eines, in dem lange und furchtsam zurückgehaltene Ideen und Pläne mit einem Mal nahezu umstandslos umgesetzt werden können. Als sei eine Erleichterung eingetreten, als seien innere Grenzen gefallen und Blockaden aufgelöst. Zeit für Legendenbildung, dachte ich vorhin, als mich eine Photographie erreichte aus der Zeit, da wir wild und frei waren, uns durchzuschlagen versuchten mit kaum mehr als Luft und Liebe.

Wer wir sind – wer wir waren

Ein Gedicht besteht aus Wörtern

Wortlisten scheinen etwas Pedantisches zu haben. Sie verwiesen auf eine gewisse Zwanghaftigkeit, wäre Vollzähligkeit angestrebt. Mir dienen sie der Ideenfindung und der Beschaffung innerer Bilder. Ein Attribut wie ‚ruchlos‘ erzeugt wie von selbst eine kurze Geschichte, das Portrait einer schattenhaften Figur, die wie der leibhaftige Schrecken durch die nächtlichen Straßen der Nebelstadt geistert und ihr Vernichtungswerk vollbringt. Oder einer jener smarten Schreibtischtäter, bleistiftdünner Oberlippenbart, mit einer Unterschrift den Untergang von Hunderten anordnend. Anschließend Opernbesuch. Durchaus filmisch betrachtet, auf Spannung angelegt, Schauplätze evozierend. Ich ergänze die Liste, weil mir das Freude bereitet. Man könnte auch sagen, ich fühle Wörter. Die Rapper führen Reimbücher, sie gehören zum Handwerk des Poeten. Der Reim macht noch kein Gedicht, das lernten wir als Kinder. Ein Onkel servierte zu den Familienfeiern Selbstgereimtes, das konnte dann so klingen: Wir sind hier heute zum Geburtstag versammelt, wollen fleißig speisen, damit nichts vergammelt. Ganz so gut war es nicht – er hatte Schwierigkeiten mit dem Metrum. Doch es fehlte etwas, wenn er nicht mit dem Besteck ans Glas schlug, sich erhob und um Aufmerksamkeit bat.

Ein Gedicht besteht aus Wörtern