Autor: Holger Tegtmeyer
Sogenannte Spannung
In den Filmen, die geschaffen wurden, damit wir Menschen dabei zusehen, wie sie zu leben und überleben sich mühen, unterlaufen den vorgeführten Profis erstaunliche Fehler. Der Held, ein in den Ruhestand versetzter Ermittler, weiß, daß „draußen“ jemand ist – auf ihn wartet, ihn beobachtet, ihn provoziert. Dennoch sitzt er nachts bei halbgeöffneter Jalousie, schaut auf den Bildschirm seines veralteten Laptops und handelt komplett irrational, als er vor seinem Haus im Garten oder auf der Straße ein verdächtiges Geräusch vernimmt. Er schaut durchs Fenster aus dem Hellen ins Dunkle – und sieht naturgemäß nichts. Die Reaktion eines echten Profis fiele komplett anders aus. Auch laufen die Leute in diesen oder solchen Filmszenen nachts aus ihren Häusern und stöbern bei offener Haustür im vollen Licht ihrer Erdgeschoßwohnungen im Garten, Hintergarten oder auf der Straße herum, gern auch mit Taschenlampe. Was soll man von solchen Vorführgestalten halten. Meistens mag ich sie ja. – Ich mache mit, aber die Filmleute sollten es auch.
Barzahlung
Eisregen. Jemand verläßt die Bar, wir sehen ihm nach. Eben noch steht oder geht er, viel Glück, schon ist er futsch, liegt flach auf dem Pflaster, ist raus aus dem Bild. Jedes Fenster ist ein Bilderrahmen mit wechselnden Motiven, veränderlicher Farbgebung bei gleichbleibendem Hintergrund (die Häuserwand gegenüber, die Straße mit Gehwegen davor). Er rappelt sich auf, weiß nun, daß er achtgeben muß. Setze deine Schritte mit Bedacht, ruf dir ein Taxi. Man hat uns gewarnt, wir haben nicht hören wollen, jetzt werden wir bestraft, sitzen hier fest. Es gibt Sofas und Decken, wir könnten übernachten. Morgens einen Kaffee, dann ab in den kalten Montag.
Einen Schritt weiter 2
Man kann es übertreiben. Ich übertreibe es oft. Warum tue ich das? Ich möchte wissen, was passiert. Man soll gegen die Wand treten, um zu wissen, ob sie hält. Mir ist auch, als sollten wir unsere Freunde prüfen ab und an. Sind wir gut genug für sie? Es bleibt kalt hier, die Kanäle sind zugefroren. Ich denke an Georg Heym, ihm wollte ich am 16. Januar ein Lied singen. Wie werde ich sterben?
Unzählbar die Sterne hoch oben
Ich kannte mal einen, der wäre gern tief gewesen. Er versuchte es auch, gab sich Mühe. Dann nahm sein Gesicht einen anderen Ausdruck an, er faßte sich ans spärlich behaarte Kinn, zog die Augenbrauen zusammen, sagte dann was. Nichts Schlimmes, nichts Peinliches. Das nicht. Es war etwas Selbstverständliche, etwas Unbestreitbares, etwas Risikoloses. Man konnte nichts dagegen sagen. Gut wurde er, wenn er von seiner verkorksten Liebesbeziehung mit einer Kollegin sprach, die ihn mitten in der Nacht anrief, da sie Lust verspürte und es machen wollte. Das war ihm Befehl, er preschte los. Er war es auch, der Angst um sich verspürte, als er den bestirnten Himmel über sich sah und erkannte, daß er demgegenüber ein Nichts sei. Ich sah das anders.
Ja, die auch
Absturz und Erhebung
Gemeinsam stürzten wir in einen Wahrheitsgraben. Nun benötigen wir gewisse Zeit, um aus ihm emporzuklettern zu neuerlichem Beginnen.
Wahr nehmen
Untrüglich der Sinn für Tabus. Man kann sie riechen, man kann sie schmecken, sogar sehen. Tabus sind der Mittelpunkt der Gemeinschaften, die sie schützend umstehen.
Aus dem Zusammenhang 373
„Du hast entweder Freunde, oder du hast Soldaten. Beides geht nicht.“
Your Honor, S2 E5
Übernommen
Mächtig zu sein scheint Schwierigkeiten mit sich zu bringen. Ich kenne die Mächtigen nur aus dem Fernsehen, wie man früher sagte. Das Fernsehen ist schon ganz schön tot, aber die Mächtigen wird es noch in tausend Jahren geben. Manchmal werden ihre Reden oder Gesichter televisionell übertragen, ich sehe dann, daß es ihnen nicht gut geht. Haltung, Gesichtsausdruck und Redeweise erwecken die Besorgnis, sie seien angehalten, Steine scheißen. Das kann nicht gut gehen. Wenn man sich übernommen hat, muß einem das gesagt werden.