Die Lässigkeit des Gewährens

Anders formuliert: Das Problem ist, daß sie sich für dich verwenden, indem sie dich für sich verwenden. Man kann das menschlich und verzeihlich finden, im Sinne von geben und nehmen.

Selbstlosigkeit ist eine einsame Insel. Der moralphilosophische Egoismus operiert daran herum. Es wird sogar behauptet, wenn jeder zunächst an sich denkt, sei an alle gedacht.

Ich bin mir nicht sicher, ob es der Liberalität Abbruch tut, wenn man die Motive der Handelnden diskreditiert. Wir werden uns nach wahrhaft Liberalen noch sehnen, wenn grimme Zeiten anbrechen sollten. Es bleibt jedoch der Verdacht, daß liberal nur spricht und handelt, wer es sich leisten kann.

Liberalität als sozio-ökonomischer Sonderstatus? Liberalität als Handlungsauffälligkeit der besitzenden Mittel- und vermögenden Oberschicht.

Andererseits: Nur wer gelten gelassen wird, kann gelten lassen. Eine Auszeichnung verdiente, wer auch dann noch liberal zu agieren versteht, wenn es persönlich und ökonomisch eng wird.

Die Lässigkeit des Gewährens

Heute noch nicht, bitte erst morgen

Die Liberalen, die Baldwin meint, sind jene, die einem entgegeneilen und versichern, daß sie ganz und gar der Überzeugung sind, daß man sträflich unterschätzt ist und es höchste Zeit sei, dies zu ändern. Sie ziehen einen zu sich, schmeicheln, wickeln ein und bedienen sich eines Problems, das nicht ihres ist. Dies geschieht instinktiv oder kalkuliert, keinesfalls ist es selbstlos. Daher die Photographien und Filme, auf denen ihr couragiertes Engagement für die Zeitgenossen, die Nachwelt und die eigene PR festgehalten wird. Maxime: Tue Gutes und sprich darüber. So macht man sich Freunde. Und die Gegner oder „Feinde“ bekommen Probleme. Denn eine als positiv und progressiv ausgewiesene Persönlichkeit greift man nur um den Preis der öffentlichen Selbstvernichtung an. In ein paar Jahren sieht das möglicherweise anders auch, doch wir leben immer noch im Jetzt und Hier, und das ständig, also fortlaufend. Die Gegenwart ist bestimmt durch die Grenzen ihres Wissens und Sagens. Aber das weiß ja jeder.

Heute noch nicht, bitte erst morgen

Repressive Toleranz

Auf den Bildschirmen der Untergrundbahnen gestern ein Zitat von James Baldwin, demzufolge Künstler unter uns seien, um den Frieden zu stören. Den falschen, möchte man hinzufügen. Friede ist gut, wenn er hält und Kräfte entläßt, die ansonsten ans Kriegshandwerk und dessen Destruktionen gebunden blieben. Da ich nach dem korrekten Zitat suche, stoße ich auf ein weiteres: „Ein Liberaler: jemand, der glaubt, mehr über deine Erfahrungen zu wissen als du selbst.“

Repressive Toleranz

Aschenbahn

Asche ist ein verdammt gutes Streugut bei Eis- und Schneeglätte. Ausgestreut macht sie die rutschigen Gehwegflächen stumpf, die Profile der Schuhsohlen erhalten wieder Griff. Vorher wie auf Eiern die vereisten Stufen hinauf in den Garten, dort fast zu Boden gegangen. Zurück aufrechten Schrittes, beinahe schriebe ich: würdevoll.

Aschenbahn

Von klein auf bis jetzt

Bei jedem Neugeborenen begegnen wir uns selbst. So ähnlich stand es um uns, als wir beginnen durften (mußten, konnten). Man hat uns ermöglicht, deshalb sind wir hier. Im Kind erkennen wir unseren Werdegang, dieses endlose Lernen und zuweilen verzweifelte Lernenmüssen. Man spricht vom inneren Kind, das ein Erwachsener zu vergessen beginnt, vielleicht auch, um einmal frei zu sein von damals. Wo kommst du her? sollten wir fragen, statt einander vorzuwerfen, über unterschiedliche Auffassungen zu verfügen. Immerhin müssen wir nicht identisch sein, das ist erfreulich.

Von klein auf bis jetzt

Allein deshalb müßte es Götter geben, damit jemand was zu lachen hat

Noch ein letzter Januartext, gegebenenfalls ein vorletzter. Ich weiß nie, was demnächst passiert. Niemand weiß es. Ein Blick in Augen läßt mich augenblicklich davon ausgehen, daß es eine Seele gibt. Bei manchen sind die Augen verschlossene Tore, dennoch sind sie nicht tot. Andere pressen nach außen, als sei es unstatthaft, umgekehrt zu gehen. Es gibt Augen ohne Glanz, andere ohne Feuer. Vielleicht beschreibt das von außen betrachtet die Zustände der Seele, des Flämmchens, das flackert und lodert oder auszugehen droht. Ich meine das nicht poetisch, sondern existentiell. Viel zu viel wird um Worte gerungen, statt die Kräfte zu gewahren, die hinter Worten stehen. Es gibt Blicke, die machen mich verlegen, andere ratlos. Ich weiß nicht genau, was passiert, wenn zwei Menschen aufeinanderstoßen. Sie wissen es ebenfalls nicht. Wir rätseln hier herum und liefern Versionen von Interpretationen, nicht zuletzt unserer selbst. Mich macht das traurig. Dann wieder muß ich lachen.

Allein deshalb müßte es Götter geben, damit jemand was zu lachen hat

Es muß auch anders gehen

Vierte Nacht im Glatteis-Modus. Ich trete im bürgerlichen Viertel Friedenau nach geleisteter Arbeit auf die Straße und fluche über die geparkten Automobile hinweg: Was ist denn das hier für eine Scheiße! Nicht als Frage, sondern als Beschreibung. Warum bekommen sie denn nicht die Gehwege rutschfrei? Woran fehlt es, wer versagt? In Neukölln derselbe Mist. Andererseits soll ich nicht meckern, es meckern sowieso schon alle. Also lobe ich die Tage und Nächte als solche des anderen Gehens. Wir lernen watscheln, wir werden Pinguine. Woanders herrscht Krieg, wir fliegen nur auf die Klappe. Ein Hurra auf unser unverdientes Glück.

Es muß auch anders gehen

Die Farbe der Tage

Man kann gar nicht viel machen. Tag für Tag leben. Sich an etwas erfreuen. Auf der Straße achtgeben, daß man sich nicht hinpackt. Sand, Granulat, Salz als Mittel der Gegenwehr. Die Profile der Schuhe und Stiefel sind unzureichend. Ich habe mein Stiefelsortiment durchprobiert. Wir laufen anders seit ein paar Tagen. Das Leben geht weiter wie nach jeder Beerdigung. Schon ist Nacht, schon ist Mittwoch, der gelborangene Tag.

Die Farbe der Tage