Nicht?

Am liebsten ist mir, wenn man über alles sprechen kann, am übelsten und lustigsten, wenn über nichts geredet werden soll. Da lernt man tanzen und genießt die Ausweichmanöver, den Krampf der erzwungenen Enthaltung. Gott, denkt man, was quälen wir uns hier einen ab. Das ist ja gerade so, als ginge es um etwas. Wenn es jedoch um was geht, benötigen wir freies und leichtes Sprechen, sonst verschlucken wir uns an den Wahrheiten.

Nicht?

Schon stehen Pferde an der Tränke

Dalí’sche Figuren im Innern der Lavalampe. Eine rechte Hand, aus der ein Daumen treibt, der die Aufgabe des Zeigefingers übernimmt; Verklumpungen der anderen Finger; die Handkante ist festgeklebt an einer Masse aus glutrotem Plastilin. Die andere Hand faßt in den Himmel und krampft sich um ein Gebilde, das einer Krake ähnelt oder einem Wurfstern. Dort oben, wohin sie greift, schwimmen schwere Eier auf der trüben Suppe. Der Bauch unten droht zu bersten und schwillt weiter an. Er wird Blasen gebären, die nach oben schweben wie Gedanken.

Es gibt ein Biopic über Dalí, habe gestern hineingeschmeckt, nach fünf Minuten beendet. Nein, so geht es nicht. Wie sich die Leute blenden lassen von ein bißchen Show, strategischer Übertreibung und schützender Arroganz. Dalí schuf aus Angst. Daß er wie Picasso zur Marke degenerierte, ist den Bedürfnissen der Zeit und der Schwäche des Protagonisten geschuldet. Durchhalten macht legendär, am Ende kannst du deine Stifte versteigern lassen, die Traumtagebücher, die Tränentücher.

Schon stehen Pferde an der Tränke

Quersumme zehn

Fast täglich schreibe ich ins Tagebuch, zu Beginn jedesmal Zeit und Ort. Ist es mir alle vergangenen Jahre so ergangen, daß ich eine Zeitlang, manchmal bis in den Februar hinein, versehentlich im neuen noch das alte Jahr notierte, bei ansonsten korrekter Datierung, ist es in diesem Jahr unheimerlicherweise nicht so. Ich schreibe zuverlässig und stur 2026. Als sei irgendwas anders, als sei es unmöglich, sich diesbezüglich zu irren. Als sei die Zahl aufgeladen und stark gefeit gegen sonstwas. Was Energien sind, wird physikalisch, medizinisch und psychologisch beantwortet. Manchmal spürt man sie. Der naßforsche Historiker nannte das vergangene Jahr das letzte im Frieden, versetzte sein Orakel- oder Insiderwissen aber mit dem Notausgang- und Nagel-mich-nicht-fest-Adverb „möglicherweise“. So hat er mich gefangen, so starre ich auf 2026 wie das sprichwörtliche Kaninchen auf die Schlange. Vielleicht weiß der Typ ja mehr als ich. Ich stamme bäuerlicherseits aus einer abergläubischen Familie. Da reichte es, mit der verkehrten Hand zu schreiben. Schon sah das Unglück seine Chance. Das war zu Zeiten, als mein Vater ein kleiner Junge war. Deshalb steckt das in uns, jedenfalls in mir. Deshalb auch reagiere ich auf Unkereien und sogenannte Prophezeiungen, bin sogar empfindlich, wenn Namen vergeben werden.

Quersumme zehn

Ich werfe beinahe täglich

Die einfachsten Übungen sind die schönsten: mit Stiften aus drei oder vier oder fünf Metern Entfernung einen Papierkorb zu treffen versuchen, der nicht nah an der Wand steht, so daß mit Abprallern kaum zu rechnen ist. Runde für Runde die Treffer notieren und eine Lernkurve anlegen. Zwischendrin eine Pause machen, nach der Pause weitere Versuche. Nächster Tage erneut. Irgendwann hat der Körper gelernt, was er soll. Nachts geweckt werden, aufspringen, Stifte werfen. Das wäre Drill. Doch zu bemerken, wie man Fortschritte macht, heilt manche alte Wunde. Von den Stiften dann woanders hin, nur zu. Nicht alles ist möglich, aber manches. Übrigens ist Januar, der steht für Anstand, Ausdauer und Bescheidenheit.

Ich werfe beinahe täglich

Unvergessene Verse

Erste Klasse, Grundschule, ein Mitschüler, ich weiß noch seinen Namen, Kai-Uwe, brachte uns Verse nahe, die hatte er aus dem Kinderheim, in das er fuhr, wenn wir nach Hause fuhren oder gingen, sie lauteten: Weißt du, wie ich heiße / Hans Joachim Scheiße / Weißt du, wo ich wohne / In der Furzkanone / Weißt du welchen Stock / Beim Mädchen unterm Rock.

Unvergessene Verse