Bevor ich nun schlafen gehe

Ich war ein Kind der Alpträume und kann mich nicht erinnern, jemals einen schönen Traum geträumt zu haben. Der große weiße Hund verfolgte mich, Schlangen wanden sich am Fußende und glitten den Körper entlang, der Uhu würde mich holen. Es lag ein Mann unter meinem Bett. Stünde ich auf, faßte er mit kalter Hand nach den Fußgelenken. Die Eltern durfte ich nicht wecken, denn sie benötigten Schlaf. Ich war allein in der Hölle, Nacht für Nacht. Auch tagsüber war ich Katastrophiker. Ich sah bereits den Baum, der auf uns stürzen würde in ein paar hundert Metern Entfernung weiter vorn auf der Straße, auf der wir fuhren, irgendwohin. Noch heute weiß ich, wie das geht. Laufe eine Straße entlang und schaue an den Hauswänden empor. Dort hängen die Balkons, dort hängen die Blumenkübel. Fällt einer herunter. Oder ein Baugerüst, ein Stein, ein Hammer, eine unbedachte Bewegung, schon saust was in die Tiefe. Man braucht Glück im Leben, ich bin ein Sonntagskind. Es ist gut für mich, daß ich erwachsen geworden bin, denn ich träume nicht mehr schlecht. Das Schlimme kommt nun aus dem Tatsächlichen und der Pressung, die von ihm ausgeht.

Bevor ich nun schlafen gehe

Wünschenswerte Texte

Ich würde gerne wünschenswerte Texte verfassen. Ich schriebe gerne liebenswerter und erfreulicher. Ich ersparte uns allen am liebsten Kritik. Wir könnten es uns gemütlich machen am Kamin der verlorenen Sorgen und vernehmbar seufzen. Ich wäre dabei und sagte kein Wort. Oder eine Geschichte erzählen, die gut ausgeht und niemanden verletzt. Eine Erzählung für eine Welt, wie sie sein sollte. Nur daß ich das nicht weiß.

Wünschenswerte Texte

Themen und Tabus 3

Nun war es auch Nacht im Haus des Denkens. Die Lichter gingen aus. Wer ohne Bindung war, versammelte sich in der Lobby des erlaubten Gelingens. Die Bedrohung entstammte den bangen Herzen. Dies sind Skizzen, ließ sich der unbekannte Gastgeber vernehmen. Er sprach lautlos und nur im Kopf der Geladenen und Ungeladenen. Es gab welche, die hörten ihn nicht. Es wurde, was er gesagt haben sollte, übersetzt, was komisch wirken mußte. Manche kicherten, doch nur für kurz. Die Bühne erstrahlte, der Vorhang wurde aufgezogen, eine Musik erklang. Schon sah man die Schurken aus dem Abspann des verrufenen Films. Es ging los.

Themen und Tabus 3

Themen und Tabus 2

Wir erzeugen Enttäuschung, lautet der Wahlspruch von Themen und Tabus. Weshalb der so lautet, darf nicht von Anfang an bekannt sein. Es existiert ein Geheimnis um die Geschichte und Bestimmung des Auftrags dieser Band, die zu gründen ich mitgeholfen habe. Treten Themen und Tabus auf, verneigen sie sich kurz und knapp. Sie sind niemandem Rechenschaft schuldig, lediglich sich selbst. Es wird erst lustig, wenn es ernst wird. Themen und Tabus entstammen solcher Erkenntnis.

Themen und Tabus 2

Themen und Tabus 1

Müßte ich eine Band gründen und ihr einen Namen verpassen, lautete er Themen und Tabus. Damit wäre erfaßt, was in den hiesigen menschlichen Gesprächen ist oder unterhalb ihrer verkümmert. Themen und Tabus träten insbesondere auf, wo die Luft stickig ist und die Vorstellungen eng sind, allerdings vorerst nicht dort, wo auf solcher Abgegrenztheit bestanden wird aufgrund irgendeines Komplotts oder Reinheitsgebots. Themen und Tabus beherrschen nicht, aber versuchen sich in allen Genres des klassischen und popkulturellen Kontextes, überspielen allerdings die bekannten und gewohnten Motive. Es kann hart werden oder unerwartet weich. Selten verläßt das Publikum den Saal ohne Tränen und ein Schluchzen bitterster Enttäuschung.

Themen und Tabus 1

Nichts Genaues weiß man nicht und ungefähr so weiter

Straßenkämpfe. Kampfhorden. Anfeuerungsrufe. Schwarzafrika gegen die Araber. Als müßten Geschichtslektionen nachgespielt werden auf einer Straße in Berlin. Man kann sämtliche Bezeichnungen in Anführungszeichen setzen, sofern das der Vornehmheit dient. Daß die Menschen als Repräsentanten einer Herkunft gesehen werden, mag schwer zu verhindern sein. Daß alte Ressentiments sich aufwärmen und entzünden im melting pot einer großen Stadt, erstaunt kaum. Wo Konkurrenz nicht friedlich ausgetragen werden kann (wie denn auch?), kracht es. Später wird das in Filmen und Erzähltexten romantisiert werden, siehe das Filmwerk von Martin Scorsese. Doch noch ist jetzt und Neukölln ist nicht romantisch. Während der Szenerie des Kampfes lachten und feierten die Gäste der Bars entlang des Parcours. Für sie war das eine Gesprächs- oder Heiterkeitsunterbrechung, crazy Berlin shit. Man könnte über Geld und Macht sprechen, aber das möchte niemand wirklich.

Nichts Genaues weiß man nicht und ungefähr so weiter

Aus dem Zusammenhang 395

„Was mich ärgert, wenn ich in Köln durch die Fußgängerzone gehe oder durch eine beliebige Fußgängerzone, wo eingekauft wird, ärgert mich die Unschuld dieser Bevölkerung. Die sind alle unschuldig, und ich mag keine unschuldigen Menschen. Das ist etwas … das ist fast mit Ekel verbunden, diese Unschuld. Die sind an nichts schuld, an nichts schuld gewesen, und die sind auch jetzt an nichts schuld – und sind subjektiv wirklich unschuldig. Das bin ich nicht.“

Heiner Müller, Gespräche & Werkzitate [Youtube-Kanal Text und Bühne]

Aus dem Zusammenhang 395