Nachtmahr

Die Gedanken brechen hinterrücks und unerwartet aus dem Gebüsch. Ich darf nicht schreckhaft sein. Die Nacht liegt wie eine Decke über der Stadt, wenngleich sie niemals schläft. Die nächste Zeitumstellung kommt gewiß, sie ist eine Idee aus Deutschland. Dieses wunde Land und seine wirren Ideen. Es wird sich selbst nicht verstehen lernen, keine Chance. Da ich erlebte, wie die gelehrigen und mitdenkenden Bürger antreten, wenn gepfiffen wird, und vertrauensvoll sind oder werden, da von oben (Autorität) gesprochen, gewußt und angeordnet ist, erwarte ich Belehrung. Darin macht ihnen niemand Konkurrenz. In dreißig bis fünfzig Jahren werden sie schließlich ihren Irrtum erkennen und fleißig bemüht sein, durch geschwätzige Reue und vielbezeugte Denkmalsetzungen ihre mit Gottes Hilfe errungene Läuterung zu bekunden. Insgeheim hoffen sie, daß es noch schlimmere Völker gibt.

Nachtmahr

Das führt hinaus

Im Film (Gewalt und Gefühl) liegt jemand angeschlaucht an die Apparate im Krankenhausbett, er dämmert vor sich hin, die Bildschirme zeigen die Vitalfunktionen an. Was sagt dieses Bild, außer daß ich Mitgefühl aufbringe und wünsche, daß es dem Bettlägrigen bald besser gehen möge? Es sagt etwas über meinen eigenen Zustand, nämlich dies: daß ich noch nicht derart liege und angewiesen bin auf Apparaturen zur Stabilisierung der Vitalfunktionen. Darin liegt kein Triumph (er stünde niemandem zu), sondern verbirgt sich eine Frage. Sie lautet: Da ich nicht liegen muß, nicht gefesselt bin, wohin sende ich meine Schritte?

Das führt hinaus

Anspruchsvoll und anspruchslos

Mit dem Wort Karriere kann ich bis heute nichts anfangen. Laufbahn erinnert an Runden auf dem Sportplatzoval unter Zeitkontrolle (Stoppuhr). Lebenslauf beschreibt ein wenig, worum es gehen könnte – wobei ich die äußeren Daten, die gezackt und markant ins Blickfeld wuchten, zurückschieben wollte, um eine Idee zu bekommen, worum es gegangen sein könnte. Ein Suchen und Finden, ein Verwerfen und Neubeginnen, ein Blinde-Kuh-Spiel nach Maßgabe der jeweiligen Positionsmeldung. Kalt, kälter, wärmer, kalt, wärmer, warm … Das dauert. Findet man oder wird man gefunden? Aufgefunden. Jedenfalls ist man unterwegs und versucht, eine gewisse Struktur (Ordnung) zu erkennen, vielleicht zu entwickeln. Manchmal scheint das Chaos zu obsiegen. Jahre der Selbstschädigung sogar – auch sie, wenn es gut geht, ein Weg zur Heilung durch die Bitternis der Selbsterkenntnis. Kitsch ist ein Darstellungsmodus, kein belastbares Strukturprinzip. Wünsche wuchern herum und suchen Halt. Es ist gar nicht leicht, ein Mensch zu sein. So sind und bleiben wir unterwegs. Anspruchsvoll und anspruchslos, und beides in die richtige Richtung. Vor allem aber ein Unterwegssein … Wir sind Wanderer.

Anspruchsvoll und anspruchslos

Volker

Es wäre viel zu berichten über die in den sechziger Jahren Geborenen. Vielleicht mag ich ein weniges sagen. Ich dachte damals, mit uns würde die Welt besser. Ich mag spätestens achtzehn gewesen sein. Mit neunzehn war ich geheilt. Was mit mir erwachsen zu werden sich anschickte, strebte denselben Zielen zu wie die Vorgänger- und Aufsteigergenerationen. Sie wollten mit einem Mal erkennbar und nachdrücklich Karriere machen, reich werden, dazugehören. Schon spielten Tennisklub und Automarke eine Rolle, die „Politisierung“, Lieblingsvokabel der Achtundsechziger, war durch Abtauchen überstanden. Kein Neubeginn, eine Fortsetzung stand an. Weiter mit BWL, Medizin und Jura. In den siebziger Jahren scheint alles Pulver verschossen worden zu sein, die Achtziger ergaben ein Rollback des Konventionellen und vorgeblich Bewährten. Kohl-Witze gingen herum und erstarben. Ich vereinsamte innerhalb meiner Generation. Nichts weniger als das. Mir sind Generationen mittlerweile schnuppe. Dreißig Jahre Generationendebatte ermüden. Ich zähle auch gar nicht mehr mit. Nach den Generationen Y und Z scheint ja Schluß zu sein. Sprung von der Klippe in die Tiefe des Ungewissen. Wolken mögen tragen, wirken doch wie Watte. Nein, ich bin lebhaft dabei, nur nicht generationell. Das sind Inszenierungen und waren es zuvor bereits. Wie sagte mein Onkel auf einem Familientreffen: Wer selbst nichts ist, braucht einen Stammbaum. Streiche Stammbaum, setze Generation.

Volker

Ein Tropfen nur

Ein Tropfen klingt auf dem Zinkblech der Fensterbank. Neagley ermittelt. Der abgeschnittene Finger mit grünem Nagellack lag im Schlamm des Schweinepferchs. Auch das sind Weltausschnitte des Handelns und Zeigens. Ich weiß nicht, was mit den Filmern und den Filmen los ist. Gewalt zündet beide an. Als würden wir, die Gaffer, die Gewalt suchen und wüßten, wo sie zu finden ist.

Seit zwei oder drei Jahrzehnten sehe ich verstreut über die Hervorbringungen des Filmsektors Folterszenen, die im echten Leben dazu führten, daß ich sie zu verhindern trachtete oder mich übergäbe. Doch ich schaue sie kulturell und frage, was hier los ist. Wobei ich mit hier zur Not den halben Erdball meinen müßte.

Die Welt ist voller Gewalt, ich weiß das schon. Sollen die Filme als Lehr- und Modellvorführungen desensibilisieren, wäre dies ihre erzieherische Funktion? Spricht das kollektive Unbewußte und speit über die Filmwirtschaften die Alpträume einer Kultur aus, die in der Schule der Grausamkeit erzogen wurde und diese fortsetzt? Nach außen wird Liebe und Verständnis geflaggt, ins Innere spitz und zielgenau zur Erzeugung von Wunden und Schmerz unaufhörlich gestochen und in Wunden gewühlt? Wie im Wahn einer generationenübergreifenden Amnesie? Die Gewalt dürfte sich ihrer selbst nicht bewußt werden.

Kürzlich war ich bei den ironischen Jahrgängen angelangt. Die sind in den Siebzigern und Anfang der Achtziger geboren, die haben jetzt Posten inne und flöten stoßweise aus den Feuilletons, daß ich ihnen schwer zuhören kann. Abgepolsterte Ironie als eine Art blasiert-informiertes Medienwissen schnattert im Gespensterwald, fürchtet den Zustoß der ängstigenden und mit fast schon allen Mitteln zu vermeidenden Lebens- und Sterbenswirklichkeit, die sich nicht auflösen läßt in Bilder, Symbole oder Zeichen individuellen Auftrumpfens.

Informiertsein als ein In-der-Form-Sein. Ort und Zeit entscheiden. Wer gab die Form vor, wer nahm sie an? Ach, ihr süßen Kritischen.

Wer hat übrigens je behauptet, daß das Leben lustig ist? Walt Disney vielleicht, doch der sprach ja unaufhörlich von Schmerz. Daß er zu Markte getragen wurde, nimmt nicht wunder. Die Systeme fressen alles und jeden. Insofern ist es durchaus von Belang, was wir tun und was wir lassen. Das gute Leben? Nein, nur das Leben.

Ein Tropfen nur

Ringe, Ketten, Abzeichen

Die Reise geht unvermindert weiter, wir nehmen Tempo auf. Die Ironischen sind wir bereits losgeworden, demnächst sind die Aktivisten reif für die Archive des gnädigen Gedenkens. Mit solchem Gedenken wird die Anerkennung ihrer Leistungen und Bemühungen bedacht sein. Nichts kommt aus heiterem Himmel, nichts ist gänzlich unberechtigt. Das mögen die Gegner nicht hören, da sie befangen sind in Glanz und Glorie ihres eigenen sterblichen und archivierungsbedürftigen Anliegens. Eins nach dem anderen. Nach den Aktivisten werden die Revanchisten folgen, und nach diesen die Fundamentalisten. Wir haben doch gelernt: Wo Fundamentalismus erscheint, mangelt es an Fundamenten. Schließlich kreuzen wie stets und zwischendurch die Realisten auf. Das sind diejenigen, die in Erinnerung rufen, daß es eine unbestreitbare Wirklichkeit geben müßte. Solche Sicht wird angegriffen werden, sonst taugten die eingeführten Genres nicht. Prinzip Hoffnung. Ich lebe in Berlin, wir würgen uns hier durchs Leben, als könnte es schön sein im Sinne von frei.

Ringe, Ketten, Abzeichen

Stimmen aus der Kanalisation

Die Inszenierung des Außergewöhnlichen in filmischer Darstellung degradiert das gewöhnliche Leben derer, die solcher Aufführung freiwillig und zahlend beiwohnen. Fast schon fühlen sie sich schuldig, derart unspektakulär und belanglos zu leben – in einer „Gesellschaft des Spektakels“. Müßte nicht mehr herauszuholen sein? So wirkt das Gift in die Richtung, in die es ausgesandt wurde. Gerät das eigentliche und tagtägliche Leben zur Bagatelle, findet Entwertung statt. (Auf uns kommt es nicht an. Wer bin ich denn schon?) An lebendigen Helden läßt sich maßnehmen, an falschen rutscht oder prallt man ab wie an Stein Glas Plastik. Die süß-verwöhnten Jahrgänge meiner Zeitgenossenschaft fanden letzter Jahrzehnte nur noch ironisch aus der Klemme. Doch Ironie verbraucht sich. Manchmal lausche ich noch den letzten Ironischen, doch nun sind sie alt.

Stimmen aus der Kanalisation

Ausstiegsverbrechen

Hört man auf, ein armes Schwein zu sein, regen sich die Neider. Einwände werden laut, Abstände markiert. Scheele Blicke. Offenes Mißtrauen ersetzt das ein- und gespielte Vertrauen aus älterer Zeit. Scheel heißt schiefäugig, von der Seite her. Aus solcher Lage wird fortan betrachtet, beurteilt und auf den baldigen Absturz des Betrachteten zurück ins geteilte Elend gewettet, wenn nicht insgeheim gehofft. Wäre ja noch schöner, wenn einer sich rettete, wenn das einem gelänge. Die Kameradschaft des Unglücks soll unkündbar sein. Solidarität? Nein.

Ausstiegsverbrechen

Wunschtier

Blick auf eine Straße. Stockungen und Fließbewegungen des Verkehrs im Takt der Ampelphasen. Rote Rücklichter, helle Scheinwerfer. Ein gefleckter Himmel über den Dächern dunkelt ein. Melancholie frißt am Herzen, beißt Stücke heraus. Ode an den Pflasterstein im Verbund. Im nächsten Leben werde ich Mystiker, im Leben darauf Pflasterleger, sofern man mich menschlich beläßt und nicht erneut den Tieren zugesellt. Der nackte Affe hieß ein Sach-Buch. Ein Kind auf dem Rad mit Helm, eine Mutter mit dem Bauch einer Schwangeren queren die Seitenstraße. Hinter mir mümmeln sie die Themen unserer Tage durch. Lauter Einschätzungen. Ein Esel würde ich gern.

Wunschtier