Liefen zuvor vereinzelt und verstreut Boote in den Hafen, erschienen nun die Fregatten, nacheinander auch die Vollschiffe. Es gab Musik, die Kapellen spielten. Erste Tänze. Die Schiffsbesatzungen drängten ein, Geschäfte gingen an. In den Hafencafés erklang das Schifferklavier, Sirenen sangen verlockende Waisen. Man spielte das Spiel vom Verführen und Verführtwerden, grob und sinnlich, schließlich ging es um Geld. Geld ist Leben, Geld ist Überleben. Daher der Einsatz, jeder wußte, worum es geht. Ein Sold will wohin, geht sich eintauschen. Eine Eigenschaft ist gefragt, Preis verhandelt, wird bezahlt. Die Schmerzen kehrt der Gott der Barmherzigkeit zusammen und formt daraus ein Gültigkeitsbild. Der beste Platz an der Bar des sinkenden Vertrauens war der neben der Tür zu den Aborten. Wohin selbst der liebe Gott zu Fuß muß, lachte ein Schurke. Seine Zähne standen quer und leuchteten im Kerzenlicht wie die Hauer eines Ebers. Die Nacht hat erst begonnen, drohte er.
Autor: Holger Tegtmeyer
Zauber 2
Man wird auf den Wolken tanzen lernen. In den Pfützen spiegelt sich der Himmel in der Pracht seiner Farben.
Geist steht nicht still
Mund, Lippen, Geschmack
Ach, diese letzten Schlucke Kaffee aus dem Pappbecher auf dem harten Flur mit den knallenden Schritten der eigenen Schuhe kurz vor dem Versammlungsraum, in dem das Meeting stattfindet, in dem es darauf ankommen wird, überzeugend zu wirken im Sinne der eigenen guten Sache. Man darf nicht kleckern, dann wäre der Anzug hin und mit ihm der Auftritt. Eine Position zu vertreten ist keine Bagatelle. Die Anspannung ist hoch, der letzte Schluck bezeugt das. Schon öffnet sich die Tür, schon sitzt das gewisse Lächeln. Der Pappbecher fliegt wohin.
Dartpfeile auf die Scheibe
Nachdem sie jahrelang Schlamm fressen oder schlucken mußten, werden die Leute nun kiebig. Selbst im Vertrauten explodieren kleinere Sprengsätze der Rhetorik. Alle oder fast sind reizbar. Man muß ein wenig aufpassen, solcher Aufgeladenheit nicht zu entsprechen. Die Lage insgesamt ist angespannt genug. Woraus besteht die Lage insgesamt? Ich könnte schreiben: Sie besteht aus Versagen, zuvor jedoch aus Nachrichten. Vermutlich läßt sich das Versagen als Versehen ausdrücken. Wie gern wir an gute Menschen glauben. Das rührt ans Herz. Nach jeder Krise ist das so. Sie werden nicht so übel sein, wie behauptet wird. Und das in jeweils beide Richtungen. Irgendwas kollabiert im Verstehen des vorgeblich verstehenden und verstandenen Verstandes. Man nennt das Propaganda, also Parteilichkeit. Welche Seite kommt ohne aus? Käme eine, ich begeisterte mich spontan. Nicht? Okay, dann mal los. Wir werden eure jeweiligen Siege zur Kenntnis nehmen in Ost und West. Systemisch paßt das, es will Vernichtung.
Genug für heute
Bald Vollmond, paar Stunden nur, dann ist er rund, fett und reif. Steht eine Frau mit Stehlampe vor der Plakatwand, das Kabel erinnert mich an Toto, der einen Toaster mit Kabel und Stecker auf seine Wade hatte tätowieren lassen, das ergab Kontakte. Mann mit Lederspeckmütze pafft eine Zigarre, trägt ein Cowboy- und Westernhemd, fällt ihm der Stumpen aus der Hand auf die feuchtschmierigen Pflastersteine, hebt ihn wieder auf und raucht weiter. Wir warten auf den Zug, Ringbahn gehen den Uhrzeigersinn. Ach, wie müde wir sind. Das Mädchen macht Hausaufgaben, ein Schulhefter aus Plastik liegt aufgeschlagen auf ihrem ihrem bunten Schultornister, gegenüber sitzt ihr Opa und löst ein Zahlenrätsel. Die Stationen laufen vorbei wie aneinandergestellte Photographien aus alter Zeit. Ich mag nach Hause.
Hertha BSC – 1. FC Kaiserslautern 6:1
Fabian Reese: „Das 3:1 in der ersten Halbzeit war hochverdient, wir hätten sogar höher führen können oder müssen. Wir haben eine Mannschaft gesehen, die von hinten bis vorne herausragenden Fußball gespielt hat. Schnellen Fußball, direkten Fußball, in dem die Mannschaft der Star war. Der Sieg geht auch in der Höhe in Ordnung. Dann wechseln wir noch aus und schießen auch mit den Einwechselspielern noch zwei Tore – das war eine grandiose Vorstellung. Jetzt haben wir sieben Siege in Folge geholt und ich bin unfassbar stolz auf das gesamte Team – wir hatten noch eine Rechnung von vor zwei Jahren im Pokal offen. Das ist Balsam für die Seele der Fans, für die Stadt, für den Verein und für uns als Mannschaft. Jeder Fan soll träumen, die Leute sollen träumen – es ist in Ordnung, dass nach diesen letzten Wochen eine Euphorie entsteht. Wenn nicht jetzt, wann dann. Es tut uns allen gut.“ (Stimmen nach dem Spiel, Berliner Zeitung, 2.12.2025)
Wiederbelebungen
Betonung
Ich komme gar nicht mehr aus dem Staunen. Sitze am Schreibtisch, es ist Vormittag, die Sonne zeigt sich kurz, ich lächle zurück. Dann gerät das Jahr 1964 in den Sinn, da wurde ich geboren. Ich rechne und bin überrascht, daß 2.025 minus 1.964 einundsechzig ergeben soll. Müßte es nicht 85 ergeben oder 78 oder 95? 1964 ist dermaßen lange her, daß man sich fragt (ich mich frage), ob es jene Zeit überhaupt gegeben haben kann. Was war denn damals los, was ist innerhalb der Differenz solcher Großzahlen geschehen? Doch – es gab all diese Jahre mit ihren Tagen und Stunden und Nächten, mit all dem, was sich innen und außen ereignet hat, im Menschen, am Menschen, um den Menschen herum und auch weit von ihm entfernt. Manche Jahre brachten entscheidend Neues (jeder Tag bringt unbemerkt) – ich beendete einen Karriereblödsinn, machte mich auf die Wanderschaft, siedelte nach Berlin, verliebte mich unsterblich, lernte fortlaufend zu leben. Ich spreche mit einem Gleichaltrigen, er sagt, er fühle sich nicht alt, es seien vielmehr die anderen, die einem zutrügen, daß man es sei – insbesondere die Jüngeren. Die sähen einen so an. Ja, mag sein. Zahlen beeindrucken mich wenig. Von mir aus könnten wir auch 2147 leben, dann wäre ich eben noch ein bißchen älter. Kommt ja nicht darauf an.
Hymnen, Hymnen
Natürlicherseits bin ich von Haus aus Hymniker, ein Bejubler des vollständigen Lebens mit allem Drum und Dran. Wer das Leben liebt, wird dem Tod Respekt erweisen. Die Gegensätze können weit auseinander gezogen sein – fliegend hoch über allem, tief im Sand watend oder im Matsch. Nicht nur Hymnen an die Nacht sind zu singen, sondern auf ein Jegliches, das lebt und mitmacht im großen Ganzen, im allergrößten Ganzen, das man sich nur vorstellen kann.