Sicherheit ist eine Sichheit

Angst handelt von Kontrolle, Depression von Hilflosigkeit. Beide Partien sind einander verbunden. Ich kenne Kontrollfreaks, die sich und anderen eine Sicherheit* verpassen, die Schmerzen macht. Das gerät ins Totalitäre. Das Totalitäre ist die reinste, härteste und scheiterndste Verkörperung der Angst. Die Depressiven dagegen mußten zwischenzeitlich/einstweilen aufgegeben, sie konnten und wußten nicht mehr weiter. Dabei wären sie vorzügliche Instrukteure. Ihre Ermattung handelt von intellektueller und emotionaler Überanstrengung. Ein Jegliches bedeutet nun Herausforderung. Daß jemand ‚heraus gefordert‘ wird, zeigt an, wo sie/er sich befindet: tief in einem Innen. Dieses Innen ist ein Schutzraum. Wenn er/sie darin kaum mehr atmet, sich nicht öffnet, keinen Austausch hat, sich verkapselt – stirbt der Schützling einen langsamen sozialen und emotionalen Tod.

Sicherheit ist eine Sichheit

Was wäre denn zu weihen

Berlin wird klein. Ich muß lernen, mich zu bescheiden. Hier ist Provinz. Leben heißt sich übersteigen. Ich staune an wenig empor. Das Leben irritiert, macht verrückt, stimuliert. Ich würde Pfeile verschießen, um einen Wald zu pflanzen. Es wird langweilig, wenn man verharrt. Die vergangenen Gräser an den Böschungen der Schnellbahn. Brücken führen über Gleise und einen schwarzen Kanal. Das Wasser scheint zu stehen. Keine Leiche treibt darin. Die nackten Bäume strecken sich in den Himmel. Stimmen fluchen das Wochenende ein. Ferienlaune ergreift das erschöpfte Gemüt. Man müßte Weihnachten feiern, als ginge es um alles oder nichts.

Was wäre denn zu weihen

Zeit haben

Selbst beim Thema Zeit ist mir nach Widerspruch zumute. Jemand sagt und klagt: Ich habe keine Zeit. Was ist eigentlich gemeint? Der Klagende hätte gern mehr Zeit mit etwas Schönem verbracht, weniger mit etwas Häßlichem, Dummem, lediglich Notwendigem. Doch liegt sein Problem nicht im Bereich der Zeit, sondern im Bereich seiner Lebens- und Überlebensgestaltung. Er muß blöde Dinge tun, davon ist die Rede. Mit Zeit hat das nur mittelbar zu tun. Allerdings müßte man das Notwendige neuerlich rehabilitieren, da es doch offenbar hilft, nicht ganz vor die Hunde zu gehen. Einfacher gesagt: man muß irgendwann seinen Arsch an die Wand bekommen. Das ist ökonomisch gemeint, besagt: nicht länger prekär zu leben. Diesbezüglich wäre viel zu berichten, vielleicht ist mir einmal danach. Man soll die Zeit nicht beschuldigen, sie ist die unschuldigste aller Dimensionen. Das wollte ich sagen. Ist meine Zeit zuende, beginnt die eines Neugeborenen. An Zeit herrscht kein Mangel, nicht einmal innerhalb eines einzigen Lebens. Ich habe genug von ihr, ist mir etwas wichtig. Ich schiebe sie vor, wenn ich nicht mag. Jeder weiß das.

Zeit haben

Für wen vergeht die Zeit

Ist man jung, möchte man unangreifbar werden, am liebsten sich panzern, unverwundbar sein. Siegfried badet im Blut des Drachen. Verletzungen können tödlich enden, doch meist schmerzen sie lediglich und helfen dabei, Fehleinschätzungen zu korrigieren. In solchem Sinn ist es richtig, eine Enttäuschung als Ende einer Täuschung zu betrauern und zu verstehen. Mit dem Älterwerden wächst uns keine Echsenhaut, nur lernen wir (bestenfalls) einzustecken und an den schweren Treffern nicht zu verenden. Man bringt sich durch, oft besser als gedacht. Ob die Zeit die Wunden heilt, lasse ich dahingestellt. Time Is On My Side, sangen die Rolling Stones. Solch progressive Annahme war den amerikanischen Soldaten im Vietnamkrieg eine Hoffnung, sie schrieben es auf ihre Helme oder Helikopter. Populärkultur.

Für wen vergeht die Zeit

Weite Zeit

Endlos dehnte sich der Oktober, neuerlich dehnt sich der November. Als wäre ich in eine Zeitmaschine geraten und hätte zuvor die Einstellung auf VERLANGSAMEN gestellt. Es betrifft weniger die Untereinheiten: die Stunden fühlen sich an wie immer, auch an den Minuten wurde nichts gedreht. Es betrifft die Wochen eines Monats, dessen oder deren Länge und Ausdehnung. Als würde mir nichts genommen (kostbare Zeit), sondern permanent gegeben (kostbare Zeit). Ich habe so etwas zuvor nicht erlebt und forsche nach Gründen. Möglicherweise sollte ich das nicht tun, vielmehr dankbar annehmen und schweigen. Das Schweigegelübde des Menschen habe ich gebrochen, als ich hier anfing zu veröffentlichen, Texte und Tage, nun bereits im elften Jahr. Der am meisten staunt, bin ich. War ich nicht der, der nicht lange durchhielt, dem die Freude ausging, der sich anderswo umsah aus Langeweile oder Überdruß?

Weite Zeit

Schweinebäuche heißen die Gehwegplatten aus Granit

Folgte man der Unberechenbarkeitslehre, die in Andrei Tarkowskis Stalker für „die Zone“ reserviert ist, müßte man Schritt für Schritt auch in diesem, unserem nichtfilmischen Leben tasten und notfalls haltmachen, falls Signale deutlich werden, die vor einer Gefahr warnen. Es gälten nicht die Regeln der anerkannten rationalen Ausschließbarkeit; es gäbe kein Entweder-oder in Situationen postulierter Eindeutigkeit. Man geriete in ein intellektuell unbefriedigendes Feld des Kommt-darauf-an, des Mal-so-mal-anders. Der Verstand müßte sich rejustieren, einige Glaubenssätze wären passé. Schließlich ginge es weiter, die Mehrdeutigkeit wäre favorisiert. In ihr die Tage und ein Leben zu ertragen gliche jener Aufgabe, die den Künstlern gestellt ist.

Schweinebäuche heißen die Gehwegplatten aus Granit