Ich habe nun dauernd Tränen in den Augen und wische sie fort. Es sind Tränen der Rührung. Dauernd heißt: alle paar Tage, beinahe täglich. Immer wenn Menschen etwas Schönes tun, das ihrer Freiheit liegt, ihrem Wunsch entspricht. Es geschieht dauernd, ich werde noch verrückt vor Glück und Entzücken. Hat man uns nicht beigebracht, der Mensch sei eigennützig und selbstverliebt und ichbezogen. In diesem Jahr ist es, jedenfalls dieser Wochen, als könnten sich die Menschen endlich einmal lassen. Wie schön die Gespräche gehen, wie leicht auch die Worte. Die Gesten sind verstanden.
Autor: Holger Tegtmeyer
Ideen stolzieren über hinweg
Beim Wort Menschheit stutze ich und zucke zusammen, jedoch nicht, weil ich schreckhaft bin. Ich frage mich nur: Wer soll das denn sein? Kann jemand von denen sprechen, außer anmaßend zu sein? Antwort: nein. Die Menschheit spricht durch diejenigen, die sich das trauen! würde man antworten. Also reden wir neuerlich über Befugnis und Macht, meinetwegen Selbstermächtigung, und sei es die einer Institution. Sofort weiß ich, daß ich ganz woanders sein und dort mit den Leuten über so etwas wie Menschheit sprechen möchte. Hey Mann, was ist los mit dir? Warum Menschheit, sind wir dir nicht genug? Denk nicht nach über Leute, die du nicht kennst.
Mehr als zwei sind eine Gruppe
In einer Gemeinschaft gehört jeder dazu, man läßt niemanden liegen oder tritt über ihn hinweg. Daß man Teil einer Gemeinschaft ist, läßt sich spüren. Manchmal gibt es einen inneren Kreis, um den sich ein äußerer Kreis legt, vielleicht sogar ein dritter. Menschen suchen und schaffen Gemeinschaften, da sie gruppenbildende Wesen sind. Es liegt in ihrer Natur. Gruppe und Gemeinschaft bedeuten, daß jemand dazu gehört oder nicht. Zugehörigkeit entscheidet sich nicht nach Wunsch. Der Geist einer Gruppe ist das Verbindende, nicht irgendwessen Einzelheiten. Dürfte man den Geist benennen? Bei natürlichen Gruppen niemals, bei programmatischen immer. Ist demnach das Programmatische nicht natürlich? Nun ja, zweite Natur vielleicht. Menschen sind vielschichtig natürlich Wesen. Die Schichten heißen dann Kultur.
Fassungsvermögen
Darauf ein Ständchen
Ich bin kein Freund von Maskenbällen. Dabei liebe ich Masken, insbesondere die schauerlichen und grotesken. Venezianische Schnabelmasken, außereuropäische Ritualmasken. Ich möchte auf sie blicken und verkennen, ihre Aussagekraft bewundern, selbst jedoch keine tragen müssen. Ich schließe daraus, daß ich niemand anderes sein möchte. Man könnte das gegen mich wenden: daß ich niemand anderes zu sein mir vorzustellen wage. Ich bin aber, qua Imagination, alles Mögliche, wozu es keinerlei Maske bedarf. Wir sind, falls ich verallgemeinern darf, jederzeit sonstwas und keinesfalls dieses kleine Bißchen, daß man uns als Persönlichkeit zuzuschreiben versucht, insbesondere durch uns selbst.
Aus dem Zusammenhang 371
„Unser Markenzeichen ist unsere Ehrlichkeit.“
Hand of God, S1 E9
Stilhöhe
Es ist ein verführerischer Gedanke der Systemlehre, die Teilnehmer der Trainingseinheiten und Wettbewerbe derart einzustellen, daß sie erfolgreich sein werden. Und wäre oder ist es nicht mindestens wünschenswert, insofern ethisch vertretbar, daß solches gelänge? Vom Fortpflanzungserfolg über den programmierbaren Schulerfolg bis weit hinaus nach oben ins Leistungsanspruchsdenken unter den strengen Genügensbedingungen einer sortierenden Kultur, die mit Humanismus argumentiert, wenn sie Optimierung, Perfektionierung, Konfektionierung meint.
Ließe sich da nicht was machen, daß zum Beispiel endlich auch ich vollends reibungslos funktionierte, also nicht mehr an inneren Widerständen litte und durch sie scheiterte? Es wird doch Medikamente geben, die mir die volle und verdiente Teilhabe am gesellschaftlichen Leben derzeitigen Zuschnitts ermöglichen. Herrgott! Denn das System hat recht. Das sagt alle Welt und unaufhörlich. Selbst einer wie ich möchte erfolgreich sein – eines fernen Tages. Leute wie ich werden dauernd und anhaltend diskriminiert. Selbstverschuldet, wie man sagen könnte. Wir sind nicht einmal eine Gruppe, wir leben vereinzelt. Ich weiß kaum, ob wir mehrere sind. Ich mag es hoffen, doch zu behaupten traue ich mich wenig mehr.
Ausgleich der Kräfte
Zum Gedanken gehört immer auch der Gegengedanke, zur Idee die Gegen-Idee. Sie beide in den Blick zu nehmen und auf ihre Berechtigung hin zu untersuchen, bedeutet denken. Sie als Teil eines Ganzen zu sehen und zu verstehen, führt nahe ans Geheimnis der Lebensprozesse überhaupt. Auch die Mengenverteilung ist zu beachten – nicht zu viel, nicht zu wenig. Es ist wie beim Kochen oder im Spiel. Man muß Maß und Mitte des Handelns finden – mal mehr, mal weniger. Mitte bedeutet Balance – sitzen im Schiff alle auf einer Seite, kentert es. Wo Mitte und Maß nur Mittelmaß ergibt, befindet man sich nicht auf der Höhe des Problems. Unser Geschichtslehrer damals drängte auf Ausgewogenheit, ich war ihm zu radikal. Er verstand nicht, daß manchmal ein Gegengewicht nötig ist, um in die Balance zu kommen. So erinnere ich noch heute, wenn auch seltener als früher, an die abwesende oder verschwiegene Position. Aus einem Sinn für das Ganze und das Zusammenspiel ihrer Teile und Kräfte.
Kurz nur, aber stark
Hat man das gierende und auf Selbsterfüllung bezogene Interesse verloren, beginnt die Liebe. Das ist vermutlich schwer zu verstehen. Doch es lernt sich mit den Jahren. Schließlich wird verstehbar werden oder sein, was mit Liebe zwischen Menschen gemeint sein könnte. Liebe handelt nicht von Angst, sondern von Hoffnung. Sie bindet nicht, sondern entfesselt. Sie gibt selbstlos und rechtet nicht. Ist sie fehl am Platze, ist sie die erste, die das spürt. Menschen vermögen zu lieben, doch sie sind nicht die Liebe. Die Liebe ist in ihnen und außerhalb ihrer. Liebe ist der Strom und die Verbindung, die solcher schafft für das heilige und seltene und gefährdete Leben. Es ist gar nicht so eindeutig klar, daß uns Liebe schützt und wiegt und vorantreibt. Liebe könnte verschwunden und ausgetauscht sein durch ihr Gegenteil. Ihr Gegenteil wäre der Haß. Eine Figur aus den Alptraumlandschaften der Hölle und der blutversauten Geschichte der Menschheit. Die Liebe errichtet Altäre, zündet Kerzen an, baut Brücken. Der Haß flucht und zischt sich ein, sinnt auf Rache. Daß er zu lieben nicht vermochte, gerät ihm zur Pein. Wer kann, nimmt die Hassenden in den Arm.
Sockel
Der Soldat der Terracotta-Armee steht starr und gefaßt. Das ihm in die geöffnete rechte Hand gereichte Streichholz hält er fest wie eine Fackel. Seinen Haarschopf trägt er gescheitelt und zu einem Dutt erhöht, der aus der Symmetrie seiner Körpermitte weicht und nach rechts gebunden ist. Sein Panzerhemd ist makellos, der Backenbart gestutzt. Er ist abkommandiert worden, soll sich um einen kümmern, der Beistand benötigt. Die Tage sind lang, der Gefahren einige. Er wird nicht weichen.