Geschichte der Gewalt

Wenn in einer Familie etwas angelegt ist, dann wird es erscheinen und sichtbar werden, zur Not katastrophisch, bestenfalls kathartisch. Spannungen, Konflikte, Ungereimtheiten. Wir Lebenden handeln im Auftrag, ohne es zu wissen. So setzen wir Begonnenes ahnungslos fort. Das mag ein Bedauern hervorrufen, doch damit ist nichts getan. Wer hinsichtlich seiner selbst und der Familie, aus der er stammt, unvoreingenommen zu werden sich bemüht, könnte in die Nähe eines Verstehens geraten, das aus Gefühl besteht und warmem Wissen. Nur das warme Wissen kann verzeihen. Meistens haben sie, die Alten und Verstorbenen, sich ja Mühe gegeben, so wie wir uns meistens Mühe geben. Niemand ist dauergut, übrigens würde er uns langweilen und ankotzen. Zeit heilt nicht nur Wunden, sondern sorgt für Perspektiven. Man kann mit sich selbst umgehen, wie man möchte. Scheint es. Besser wäre es, man wüßte, was die Altvorderen getan und gelassen haben. Dazu läßt sich verhalten. Sich nicht verwechseln mit einem der Geister oder Gespenster. Wir sind jeweils neu. Das Leben initiiert uns, doch nicht zu einem Mitgefangen-Mitgehangen.

Geschichte der Gewalt

Erste Zigarette, zweite Toilette

Nach dem Umbau gab es in unserem Bauernhaus ein kleines Klo für Gäste oder für uns, wenn das Badezimmer besetzt war. In diesem Raum hingen denkwürdige Parolen, auf Hölzer in Herzform geschrieben, die kitschig verziert waren, handtellergroß vielleicht, eine lautete: „Aus einem verzagten Arsch kommt niemals ein fröhlicher Furz.“ Das war programmatisch-progressiv. Die zweite Parole war defensiv-deskriptiv: „Erbsen und Linsen lassen’s Arscherl grinsen.“ Folkloristisch sogar. Schämten wir uns nicht? Rhetorische Frage. Nein, wir schämten uns nicht. Auf diesem Zweitklo rauchte unser älterer Bruder seine erste Zigarette. Als die Mutter fragte, warum es dort nach Tabak rieche, antwortete der große Bruder: Ja, er habe das ebenfalls gerochen und deshalb gelüftet. Thema durch. Man kann ein Thema totrobben oder es auf sich beruhen lassen. Wer die letzte Wahrheit will, vernichtet.

Erste Zigarette, zweite Toilette

Menschlich, allzu menschlich

Gibt es die Hölle, gibt es ein Fegefeuer? Ich würde fragen: Seit wann soll es das denn geben? Von woher stammt die Idee, wann wurde sie scharfgestellt? Wer sind die Akteure, welche Not meinten sie mit solcher Imagination/Suggestion beheben zu können? Die Religionen atmen Freude und Furcht, verbreiten Schrecken und Wollust. Sie sind derart menschlich, daß die Götter sich ansehen und nicht recht wissen, wohin mit ihrem Gelächter.

Menschlich, allzu menschlich

Normal ist Mittelstärke

Es war ein bemerkenswerter Dienstag, der nun dahingeht und eingestellt werden wird in die lange Reihe der Dienstage aller Zeiten. So stehen sie, die Dienstage, geduldig herum in den verstaubenden Regalen der Zeit und warten auf Beachtung und historische Bedeutung. Bemerkenswert war dieser Dienstag insofern, als die Menschen schwer zueinander fanden. Auf den Straßen standen sie im Wege, in den Geschäften stauten sie ungeschickt, bildeten konkurrierende Schlangen, das ergab Streit. Halte niemals ein Streichholz an einen Benzinkanister. Man zündet sich an der Zapfsäule einer Tankstelle besser keine Zigarette an. Vieles muß noch einmal erklärt werden. Manche können schon nicht mehr lächeln, ihnen ist die Güte abhanden gekommen oder sie pfeifen auf dem letzten Loch. Manche halten sich für empathisch. Das müssen sie nicht, wird gar nicht gefordert. Besser man schweigt über Gefühle, sieht ohnehin niemand durch. Im Backladen häuften sich die Kuchenstücke auf dem Pappträger, alles war bereits gut verpackt. Dann mußte der Kunde zahlen, hatte kein Bargeld dabei. Der Verkäufer verdrehte die Augen. Scharfe Kruste geschnitten. Normal? Ja, normal.

Normal ist Mittelstärke

Aus dem Zusammenhang 369

„Ich weiß nicht, ob es Kolja schon erzählt hat, aber ich hatte vor ein paar Tagen Geburtstag.“

„Gratuliere.“

„Danke. Wissen Sie, ich mache morgen eine kleine Feier und wollte Sie dazu einladen. So mit Schaschlik, Wodka, ein bißchen Schießen. Ihr müßt nichts mitbringen.“

„Ein bißchen Schießen im Sinne von Jagen?“

„Nur schießen, einfach zum Vergnügen, mehr nicht. Nur zum Spaß, auf ein paar Zielscheiben.“

Leviathan [2014]

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Aus dem Zusammenhang 369

Sie schafft das schon

Unsere Ideen sind nur Versuche, denen wir Erklärungen anhängen. Unsere Taten sind Verrichtungen, die der höheren Weihe entbehren. Wir sind ein bißchen aufgeschmissen nach dem Scheitern der großen Erzählungen. Die Ideen haben uns zu Mördern gemacht. Wir wandeln in zu großem Schuhwerk. Immer neu sind Feinde zu vernichten, da die Angst kein Ende findet. Was kann man der Angst bieten, daß sie Ruhe gibt? Nein, nicht Sicherheit. Die macht sie süchtig. Desinteresse wäre besser. Soll sie sich doch um sich selbst kümmern.

Sie schafft das schon