Zurück in der Blockhütte. Ein Zimmer mit Kochnische. Alles da. So sind mir Wohnen und Leben recht. Draußen die große Welt, innen meine kleine. Nur das Notwendige zur Hand, ein paar Bücher, ein bißchen weißes Papier, ein zwei Stifte. Morgens vor die Tür in die Kälte zur Belebung und Durchblutung, dann der heiße Kaffee. Später die Arbeit. Arbeit bedeutet, Sinnvolles zu tun.
Autor: Holger Tegtmeyer
Unterwegs in Einsamkeiten
Wahrnehmung
Vor mir steht ein Bild, das habe ich gemalt. Darauf steht: WÄREST DU REGEN. Und ein weiteres: ICH SAGTE SANFT MUT. Das zur Lage. Ich werde erneut malen. Auf dem Spaziergang im Licht des sonnigen Novembers wurde mir klar, daß einzig die Wahrnehmung entscheidet, was Kunst sein könnte, außerhalb von Politik. Politik handelt von Interesse, Kunst handelt von Wahrheit.
Grundlagen
Totensonntag
Wenn die Macht sich vergeht, schauen Leute (sie sollen das sehen) zu und schrecken zurück, halten sich den Mund, um nicht zu schreien, und weichen. Von jetzt an wissen sie, was die Uhr geschlagen hat. Sie ducken sich ein, lächeln freundlich, machen mit. Wovon sie eigentlich überzeugt sind, weiß niemand, vielleicht nicht einmal sie selbst. Sie sind kalt wie Heringe, man kann sie einlegen. Das geht über Jahre, notfalls Jahrzehnte. Man hält sich privat und beruflich unbedenklich. Eines schönen Tages wechseln die Leitlinien. Schon wechseln auch die klugen und schmerzempfindlichen Bürger ihre Präferenzen und erkennen im Neuen zeitversetzt das Gute. Leben ist opportunistisch, nur die Helden dürfen durchstechen und werden ehrenhalber geköpft.
Aus dem Zusammenhang 368
„Wenn du aufhörst, um jeden Preis überleben zu wollen, strömt ein neues Licht herein. Vorher war man in Eile. Immer war die Zeit zu knapp.“
Ein verborgenes Leben, 2019
Hier ist es weiterhin schön
Erst töten, dann (den Opfern) Denkmäler errichten. Deutschland kann das besser als andere. Daher der Stolz.
Aufgabe, Dienst
Ämter. Muß man sie oder soll man sie fürchten? In ihnen wird entschieden, Ämter sind uneinsehbare Orte der Macht, jedenfalls einer Befugnis, dieses zu veranlassen und jenes zu prüfen. Besser man stellt sich gut mit ihnen. Immerhin fallen dort Entscheidungen, immerhin wird von dort regiert, gemäß Anweisung. Sie haben dadurch, daß mein Vater auf einem Amt arbeitete und ich während der Freistunde gegenüber seinem Schreibtisch in der Ecke am Fenster mit Blick auf den Parkplatz saß und still sein mußte, nichts von ihrem Schrecken verloren. Ich mag es nicht, Bittsteller zu sein und auf Gnade angewiesen sein zu müssen. Dabei handelt es sich nicht um Gnade, sondern um Recht. Ich weiß das. Doch ich erkenne wie unter Röntgenbestrahlung die Struktur darunter, dunkel und scharf umrissen.
Die Tränenspur
„Entschuldigen Sie, können Sie mir sagen …“ Die Macht stiefelt durch, muß sich nicht entschuldigen, entscheidet selbstherrlich. Die Fragende bleibt zurück, sieht dem Uniformträger nach. Er, nur ein unterdurchschnittlicher Repräsentant der unschlagbaren und unvergänglichen Macht, verschwindet hinter einer dieser numerierten Türen, wie sie für Amts- und Machtgebäude üblich sind. Da die Kamera läuft, kann ich das beobachten. Ist bloß ein Spielfilm, also nichts Ernstes, handelt nur von einem Häftling, der hingerichtet werden wird, und seiner Frau, die versucht, ihn wieder zurück zu sich und ihrer Familie zu holen, dorthin nämlich, wohin dieser ihr Mann gehört und von wo man ihn fortgerissen hat für einen ehrlosen Krieg. Die Geschichte von Franz Jägerstätter, in Bilder gesetzt von Terrence Malick.
Aus dem Zusammenhang 367
„Einer der frei ist, der merkt es vielleicht gar nicht.“
Ein verborgenes Leben, 2019