Hell und klar

Ein guter Morgen hat begonnen. Die Sonne scheint, das Thermometer zeigt zwei Grad unter Null. Durch den Riß im Leinenvorhang leuchtet Himmelsblau, davor die Zweige des Gartenbäumchens mit einigen letzten Blättern daran in der Farbe verblichenen Grüns. Die Elstern keckern und rasseln in ihrer Sprache die Spottformeln des luftigen Lebens. Der Milchschaum knistert leise, man kann jederzeit neu beginnen.

Hell und klar

Tödliche Umschlingung

Wie unerbittlich und und störrisch die Leute rechthaben. Fehlt noch, daß sie aufstampfen oder wutentbrannt den Raum verlassen, weil schon wieder jemand wagt, eine andere Auffassung zu haben, oder die Stirn hat zu behaupten, aus einem anderen Erfahrungszusammenhang zu sprechen. So bilden sie links und rechts der, wie sie meinen: absoluten Trennlinie, die bereits als Mauer beschrieben worden ist (die Deutschen stehen auf solche Bauwerke, die sie für fest und unüberwindbar halten), ihre Selbstbestätigungsrunden und sprechen sich Mut und Zuversicht zu. Wird schon werden, denn es muß ja. Da klagen sie über Spaltung und betreiben sie jeweils nach Kräften. Ein Beobachter würde das für Irrsinn halten, nur bedürfte er, solches zu erkennen, einer anderen und durchaus überlegenen Perspektive. Die wiederum soll es nicht geben, denn im Krieg wird die dritte Position nicht mehr geduldet – und zwar von beiden Seiten nicht.

Tödliche Umschlingung

Entschlacken

Der Geist ist träge und bekenntnishaft geworden letzter Jahre. Er soll die üblichen Gebete sprechen und sicherheitshalber seine Zugehörigkeiten klären. Wer nicht dafür ist, ist dagegen – erneut auch umgekehrt. Bürgerkriegslogik im Innern, Kriegslogik im Äußern. Daß das nicht gut geht, weiß schon ein jeder. Doch wie findet man da heraus? Indem man anders denkt, spricht, handelt. Ich würde sogar mit dem Fühlen beginnen, sofern es nicht bereits von Unverständnis und Unerbittlichkeit verseucht ist.

Entschlacken

Nicht mehr dies, noch nicht das

Vorhin lernte ich, da es laut Wettervorhersage kalt wird, das Wort „Vorwinter“. Vielleicht schneit es bereits. Auf die verzinkte Fensterbank fallen weitere Tropfen. Draußen eine Art Wispern, als sei der Regen mit einem Mal zu etwas Leichterem geworden. Ich mag nachsehen. Es ist noch Regen, doch kurz vor Schnee. Ich liebe den Regen, ich mag den Schnee. Mitmachen, empfahl ich vorgestern, als jemand sagte, die früh einbrechende Dunkelheit sei schlimm. Zeit des Rückzugs, der verminderten Aktivität. Zeit der Verlagerung vom Äußeren ins Innere. Kerzenlicht und warme Mahlzeit. Seele pflegen. Langsamer werden, die Tiefe und das Dunkel nicht fürchten. Ein Jegliches zu seiner Zeit. In der Zeit sein, mit ihr unterwegs am Rande des Verstehens.

Nicht mehr dies, noch nicht das

Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten

Geboren zur rechten Zeit, wenn auch ein paar Wochen zu früh. Es gibt keine andere Zeit oder andere Orte, zu der oder an denen ich hätte leben wollen. Wird schon seine Richtigkeit haben, unterstelle ich. Begegnungen wecken meine Interesse. Wen spielt das Leben mir wann zu, worin mag die Bedeutung liegen? Erinnere mich an Robert Pirsigs „laterale Drift“, derzufolge man kein Ziel erfinden muß, wenn es keines gibt, es vielmehr darauf ankommt, zu den Seiten hin aufmerksam zu sein. Als ich das las, war ich Anfang zwanzig und verstand sofort. Sein Buch veränderte mein Leben für geraume Zeit. Ich war unglücklich, einsam und bekämpfte mich selbst. Mit einem Mal wurde es besser. Wie lange die Besserung hielt, weiß ich nicht. Sicher ein paar Wochen, vielleicht länger. Noch heute helfen mir ein paar seiner Ideen.

Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten

Kapuze

Es kann vorkommen, daß die Götter einem einen Engel schicken, gerade zur rechten Zeit. Der Engel muß kein Engel sein, die Götter nicht zwingend Götter, doch dankbar bin ich sehr. Die Straßenkreuzung ist asphaltschwarz und laut, das Neonviolett der Eisdiele läßt an Blütencocktails denken, an Zuchtrosen ohne Geruch. Es ist zu kalt, um draußen zu sitzen. Wir tun es. Die Lichter der Ampel wechseln die Farbe, die Wettbüros sind geöffnet. Jede Menge los, auch Erfreuliches. Der November kriecht im Schneckentempo, die Zeitdehnung hält an. Eine tiefe Rührung verschluckt mich, gedankenverloren gehe ich heim. Jeder Schritt tut wunderbar weh.

Kapuze

Fünfzig Stunden Regen

Zuverlässig regnen die Tage den November ein, bis er unter Wasser steht. Zuverlässig mache ich hier weiter im Schwemmland der Ideen und Phantasien und ererbten Fragestellungen. Vor kurzem war kristallklar, daß ich nicht jemand sein kann, der irgend jemandem etwas vorwirft. Leben ist hart. Das wird einem vielleicht nicht gesagt. Man bekommt zur Einschulung eine Zuckertüte, da es süß sei oder sein solle. Nein, ist es nicht. Manchmal schon, sogar sehr süß und sehr lecker. Dann wieder eine Zumutung, ein Gewürge. Geht das endlos so weiter? Nicht endlos, doch weiter geht es schon. Ich höre draußen Stimmen, wer macht sich an wen ran. Das ist ebenfalls Leben, mein Gott, natürlich auch und insbesondere solches. Auf die Liebe, wird schon werden.

Fünfzig Stunden Regen