Ein eigenes Leben

Letzte Wespen draußen am Montag und Dienstag, heute ist Sonnabend; letzte Fruchtfliege unterm Lampenschirm. Das saisonale Leben endet. Eine sanfte Kühle streicht ein, nachts kann es bereits kalt werden. Den Nachbarn im Vorderhaus wurde Brennholz geliefert, eine ganze Menge war das. Wie man durch den Winter kommt. Nachdenklich auf besondere Weise, besonnen sogar. Nein, wir reagieren nicht mehr.

Ein eigenes Leben

Tropfen für Tropfen

Da wir tief sind, sind wir auch abgründig. Es gibt eine Angst vor der Tiefe, wie es auch eine Höhenangst gibt. Menschen scheinen in die jeweilige Mitte zu tendieren, um sozialen Anschluß zu wahren. Kein Zugvogel erreicht allein den rettenden Süden. Andererseits … wer weiß. Zu den Regeln gehören die Ausnahmen von der Regel, das wurde sprichwörtlich. Ich habe mir Regen gewünscht, es hat geregnet. Manchmal ist mir, als regnete es in mich hinein. Tropfsteinhöhlenbesuch damals auf Klassenfahrt in den Harz, vierte Klasse. Ich staunte aus dem Bus die Berge hinauf, kannte nur das Mittelgebirge. Mächtig erregende Landschaft. Wie überhaupt die Landschaften solche der Seele sind oder werden. Darüber müßte zu sprechen sein, ich würde Gary Snyder einladen, dürfte ich Gastgeber sein.

Tropfen für Tropfen

Kenntnis und Bekenntnis

Die aus der Zeit genommenen Tage. Heute ist einer dieser Tage. Er gerät nun in die Nacht. Man muß nicht eigens gläubig sein, um zu verstehen, daß etwas stattfindet. Heilig sind die Begegnungen. Wir sind nicht nichts, sondern eigens. Die bekannten Religionen haben versucht, etwas unter Kontrolle zu bekommen, was zu groß ist für das menschliche Begreifen. Sie haben es provinzialisiert. Darunter leiden wir und engen uns die Köpfe ein. Ich ehre jeden Ansatz, verfolge einen anderen. Die Glauben finden zueinander, doch es braucht noch. Nicht zu glauben ist in der Ordnung des Bestehenden.

Kenntnis und Bekenntnis

Spreewaldplatz

Hier an der Straße ist es auch recht schön. Busse halten an und fahren weiter, groß und gelb. Manche Leute tragen schon Wollmützen, dabei hat es sechzehn Grad. Der Hund liegt unter dem Tisch und hält die Nase in den Wind. Mal schauen, was passiert. Muß ja nichts Schlimmes sein. Eine riesige grauschwarze Dogge wird vorbeigeführt wie ein Kalb. Ein Kind trägt eine Krone aus Pappe. Im Lastenrad liegen unter der Netzplane drei Helme, zwei kleine und ein großer. Aus dem Baumstumpf vor der Bushaltestelle treiben Blätter und Zweige. Es könnte gleich regnen. Der alte Mann mit weißem Bart steht auf einen Stock gestützt und wartet auf seine Frau, die sich nach dem Weg erkundigt. Die Baustelle ist kameraüberwacht. Die Krähen wissen Bescheid. Der Hund folgt seinem Herrn ins Innere der Bar. Dort ist es dunkel, da sitzen sie und sagen nichts. Dauernd passiert was. „Kreuzberg ist gar nicht so schlimm“, sagt die Frau mit der Thunfischdose.

Spreewaldplatz

Grenzen eines Bildes 3

Ich hätte ja alle Jahre mitfliegen wollen mit den Wildgänsen. Ich bin nach Nils Holgersson benannt, das hat Folgen. (Es grenzte ja an Unsinn, hätte es das nicht.) Ich höre sie jedes Frühjahr und jeden Herbst und laufe sofort hinaus ins Freie, um sie dort oben ziehen zu sehen, meine unerreichbaren Vorbilder. Wildgans, nicht Hausgans. Doch ich saß hier letzter Jahre unbehaglich fest, angekettet an meine Zeitgenossenschaft, die ein übles Geschäft geworden ist. Ich verbringe ganze Tage damit, zurück in meine eigene Mitte zu irren, und finde sie manchmal nicht. Das heißt: ausquartiert zu leben. Wäre in mich eine Kompaßnadel operiert, würde sie unaufhörlich zittern und zappeln. Mächtige Magnete werden dort draußen vorbeigezogen, und das hört einstweilen nicht auf. Seit ich denken kann, weiß ich, wer was von mir will. Wer – was – von mir – will. Geht es nicht mehr nur mir allein, ich bin das gewohnt, sondern um mich herum nahezu allen Leuten schlecht, gerate ich endlich an die Grenze dessen, was ich hinzunehmen bereit bin. Ich weiß: Wir sitzen nicht mehr fest, wenn wir begreifen, weshalb wir festsitzen. Heute hat sich der Himmel geöffnet, ich fange also schon mal damit an, mit meinen ungenutzten, aber sicher nicht unnützen Flügeln zu schlagen. Da schwirren ein paar Federn herum, das paßt schon.

Grenzen eines Bildes 3

Grenzen eines Bildes 2

Ich bleibe mal in den Bildern der Einpressung und des Festsitzens und nenne diesen Beitrag der Einfachheit halber Grenzen eines Bildes 2. Vielleicht folgen weitere Einträge, das wird die angebrochene Nacht der Freiheit erweisen. Ich kann endlos schwimmen, wenn ich will. Wozu überhaupt Metaphern, ließe sich, nun ja, fragen. Damit man sich etwas besser vorstellen kann, vor sich stellen kann wie ein Bild. Das festgefrorene Schiff, das im Käfig gehaltene Menschenhuhn, die zubetonierte Freifläche des einstmals blühenden Lebens aus Gründen der Gleichbehandlung. Sind alle tot, kann niemand überleben. Da nicht alle frei sein können, müßte man alle einsperren, dann wären die Privilegien beseitigt. Man versteht. Ich kann hier endlos weitermachen, bis man versteht oder nicht. Heute also fiel das Atmen leicht und das Spazierengehen, fast schon ein Wandern, vergnügte das frohgemute Herz. Gedanken kamen geflogen wie die freien Vögel am Himmel. Es war ein guter Reisetag auch für die Wildgänse, die dort oben ihre Formationen korrigierten und sich der Thermik überließen, die kaum einen Flügelschlag der Anstrengung erforderte.

Grenzen eines Bildes 2