Grenzen eines Bildes

Ruckweise gerate ich frei wie ein Schiff, das im Eismeer festgefroren war. Ergeht es einem plötzlich gut, weiß man schlagartig, wie schlecht es gegangen ist. Das ist doch kein Leben, heißt es, wissend, daß auch solches Eingeklemmtsein leben bedeutet. Manche Tiere sind ja in Gefangenschaft gar nicht zu halten, anders der Mensch. Für ihn kommen Freiland-, Boden- und Käfighaltung in Frage, und nur im Notfall hackt eine Henne der anderen ein Auge aus. Man muß befürchten, daß die Krähen recht genau wissen, was es mit uns auf sich hat. Was geschieht nun mit dem Schiff, das es durch schmale Fahrrinnen vom Packeis ins Treibeis schafft und endlich in freie Gewässer gerät? An Bord beglückwünschen sie einander und sehen in zerkrustete Visagen. Manchem sind die Zähne ausgefallen, andere tragen dunkle Flecken auf der Haut. Geben und nehmen, umgekehrt auch.

Grenzen eines Bildes

Kompliment

Amy Brenneman spielt Diana Blackwood. Mrs Blackwood ist millionenschwere Unternehmerin im von der Dürre ausgezehrten Kalifornien, wie es in der dritten Staffel der Anwaltsserie Goliath zu besichtigen ist. Ihr Geschäftsfeld sind Beauty-Produkte auf Mandelbasis. Der Anbau von Mandelbäumen im Valley kostet jede Menge Wasser, das woanders fehlt, und es ist ein Krieg eröffnet um die kostbarste Ressource des sich erhalten und erneuern wollenden Lebens. Mrs Blackwood beherrscht sämtliche Genres, sie ist Salondame, Freundin, Vertraute, Chefin, Muse, Rachegöttin, Gönnerin, Anteilnehmende, Trösterin, Schmeichlerin, Wohltäterin. Sie greift nach allem, was sich nicht rechtzeitig in Sicherheit zu bringen versteht. „Ich will doch nur helfen.“ Ein Nein zu ihren Absichten versteht sie als unverzeihlichen Angriff auf die Hoheit der eigenen Person. Daß nach einem Verbrechen wider ihre „wirklich“ allerbesten Absichten und berechtigten Interessen eine Art Stille herrscht, gehört zur Dramaturgie der süßen Rache. Sie meint, man könne ihr nicht in die Karten schauen. In solcher Fehleinschätzung liegt ihre Schwäche. Jeder weiß, daß sie sich stets dann bemüht, wenn sie etwas will. Sie dagegen geht davon aus, ihr Auftreten und die zwingende Logik ihres raffinierten Verstandes versetze einen jeden, den sie berührt, in eine Stimmung des Erhobenseins und freudiger Gefolgschaft. An Gerechtigkeit hat sie niemals glauben müssen. „Diana kennt kein Nein“, erinnert uns einer ihrer beiden Adoptivsöhne.

Kompliment

Schlangestehen

Kottbusser Damm, sonniger Nachmittag, im Schatten ist es kalt, in der Sonne warm. Auf einem Lastanhänger steht ein Toilettenhäuschen, wie es auf Baustellen oder Festivals zu finden ist. Dieses heißt Wölkchen, nicht wie üblich Dixi oder Toitoi. Auf dem mit einer Manschette an einen Laternenpfahl gezurrten orangenen Abfalleimer der Berliner Stadtreinigung steht Kot d’Azur. Geschmack ist, worüber sich streiten läßt. Wölkchen-Toilettenkabinen duften, so lautet das Werbeversprechen. Daß wir ansonsten einen Großteil der Zeit unsere Notdurft vergessen dürfen, ist eine kulturelle Hochleistung.

Schlangestehen

Hunderennen hieß der Titel

In anderer Leute Leben herumzufummeln ist keine gute Idee. Auch kann man sich den Weg zu ihrem Herzen oder Kopf nicht freischießen. Man wird nicht einmal bewirken, daß jemand an einen denkt. Es sei denn, man verfügte über massenmedialen Einfluß, dann ließe sich oberflächlich was bewegen, für eine Zeitlang. Irgendwann fliegt jede Sache auf. Vorsicht vor jenen, die Heil zu bringen versprechen oder zu wissen meinen, wie es dir gut geht. Worte sind eitel, Taten sind wahr. Daß man das Wortemachen für ein Handeln hält, ist eine der zahllosen Zurechtlegungen der Intelligenzija. Sie arbeitet fleißig im eigenen Geschäft. „Soll doch jeder einmal seinen Preis nennen“, sang André Heller.

Hunderennen hieß der Titel

Abgestürzt vom Buchstabenrand eines Namens

Sie leben für ein paar Tage in einem Palast mit Blick auf die Sierra am Horizont, darüber steht tagsüber verläßlich ein hellblauer Himmel mit Wolkenfleckchen. In den sogenannten Zimmern, die eigentlich Säle sind, ist alles geschmackvoll arrangiert. Kein Gegenstand könnte Abscheu erregen oder die Gemüter der Gäste beunruhigen. Hier sollen sie sich erholen und zu sich kommen. Wir sind ebenfalls Flüchtlinge, sagt der Patron, nur daß wir jener Welt fliehen, in die die anderen unter Einsatz ihres Lebens streben. Das Paar nickt. Was soll man sagen? Hier ist es schön, vielleicht ein bißchen zu sehr schön. Die Sierra wirkt wie eine Kulissenmalerei, doch sie könnten hinausreiten, morgen schon. Sonst mit dem Geländewagen, ein Chauffeurscout stünde bereit. Die Balkontür gleitet lautlos auf, die Luft riecht würzig. Wo sind wir hier? fragt irgendwer.

Abgestürzt vom Buchstabenrand eines Namens

Bedauerlich

Das Private ist nicht das Politische. Schwarz ist nicht weiß, Yin ist nicht Yang. Doch sie berühren, durchdringen und bedingen einander. So verhält es sich mit allen Polaritäten und den sogenannten Entgegensetzungen. Wer sie aufstellt, als müßten oder sollten sie vernichtend Krieg führen, weiß fast schon nichts vom Leben, von der Natur, vom Menschen, von der Geschichte, von sich selbst.

Bedauerlich

Zeigen Sie dorthin, wo es für Sie hell ist

Leiden Sie unter Halluzinationen? Haben Sie Erscheinungen? Sehen Sie Dinge, die andere nicht sehen? Würden Sie behaupten, daß es diese Dinge, die Ihnen erschienen sind, wirklich gibt? Oder würden Sie vielmehr einräumen, daß sie nur in Ihrem Vorstellungsvermögen als innere Bilder existieren? Halten Sie sich für einen seriösen Menschen? Woran machen Sie das fest? Können Sie mir beantworten, wieviele Finger an meiner Hand sind? Und an der anderen? Bin ich noch im Raum, obwohl Sie gerade die Augen geschlossen haben? Könnten Sie daran glauben, auch wenn ich aufhörte zu sprechen? Ist es Ihnen unangenehm, von mir befragt zu werden? Seit wann fühlen Sie sich unverstanden? Wann legen Sie sich zu Bett, wann erwachen Sie für gewöhnlich? Seit wann haben Sie keinen regelmäßigen Tagesablauf mehr? Gab es eine Ursache, daß Sie aufhörten damit? Wie geht es Ihnen? Fühlen Sie sich angestrengt durch die Fragen? Was würde Ihnen helfen, sich wieder normal zu fühlen?

Zeigen Sie dorthin, wo es für Sie hell ist