Erwacht aus einem Schlaf, in dem ich träumte, ich verließe die Stadt und zöge nach Bad Karlshafen. Bereits während der Traumvorstellung regten sich Zweifel am Sinn der Unternehmung. Was gäbe es dort für mich zu tun? Ich würde es erfahren. Während wir Umzugskisten schleppten, kam ein Fremder zu uns und bat um eine Spende für sich selbst. Er stellte einen Sammelbecher auf den Teetisch. Kaum hatte jemand Münzen eingeworfen, leerte er ihn bereits wieder, um schauen zu können, wieviel ein jeder zu geben bereit war. Ich wußte, daß ich kein Kleingeld im Portemonnaie trug, und wurde bereits unruhig. Da fielen mir die vier Geldstücke ein, die ich auf das Regalbrett gelegt hatte. Es waren große Münzen, etwa so groß wie unsere 50-Cent-Stücke, nur aus anderem Material. Die warf ich ein. Es klapperte, denn der Becher war aus Hartplastik. Nach dem Erwachen die Erleichterung. Während ich dies schreibe, ziehen hoch am Himmel die Wildgänse in ihren Formationen nach Süden.
Autor: Holger Tegtmeyer
Was geschieht denn dann?
Wo warst du
Da Unsicherheit als ein Makel aufgefaßt wird, der der Idee der Sicherheit als Ausschluß jeglicher Gefährdung widerspricht, kann sie nicht geduldet werden. Entsprechend werden die vorhandenen Systeme scharfgestellt und weitere geschaffen, um umfassende Kontrolle zu gewährleisten. Kontrolle handelt von Angst, lehrt die Psychologie in Theorie und Praxis. Man müßte sich demnach unsichtbar machen oder annähernd zum Verschwinden bringen. Doch vielleicht ist auch das Gegenteil richtig. Dieses hieße, sich sichtbar und angreifbar zu machen, gewissermaßen luthermäßig. Es hieße, protestierend und laut zu sein, jedenfalls unverkennbar. Wer der Staat ist, bleibt einstweilen ungeklärt, wissen wir doch, was der Staat ist, und begnügen uns damit, daß wir alle es irgendwie sind, wenn auch nicht ausschließlich und so weiter. Die Idee der Sicherheit ist ebenso überreizt wie die ihrer Gefährdung. Noch ist nicht aller Tage Abend, der Redewendung nach.
Wenn ich also tot bin
Wenn ich meinen Teil des Lebens nicht lebe, wenn ich also tot bin, gewissermaßen, oder mich so stelle, als sei ich es bereits, stattdessen jedoch vegetiere, indem ich immerhin funktioniere, zu Terminen erscheine und angerufen den Anruf annehme, meistenteils auch sprechen kann, jedenfalls reden, überkommt mich ein Schaudern, das tief in die Kanäle dringt und mir die Kehle schnürt. Nenne ich solches Halbtotleben glucksen, wäre es ausreichend bezeichnet. Es ist mir keine Lust, mich derart verschmachten und gemindert zu fühlen, so sehr keine, daß eine heiligschöne Wut mich packt, ich mich selbst an den Worten ziehe, daß sie Sätze werden, die einem stehen. Laß es Mensch werden in mir.
Aus dem Zusammenhang 363
„Ihm wurden Zunge und Schwanz abgeschnitten. Hat das LAPD das nicht erwähnt?“
Goliath, S1 E7
Reservatiert, exkommuniziert, entmumifiziert
Nach den Verheerungen der letzten Jahrzehnte liegen die Leute verstreut und hingestreckt in ihren jeweiligen Anwesen herum, man könnte sie als Meinungsreservate bezeichnen, und senden sich nun allmählich wieder zuversichtlich-schüchtern Morsezeichen. Einmal muß es ein Ende haben mit dem Getrenntsein und Getrenntwerden. Die Interessierten spielen wie ungestört ihre üblich gewordenen Ein- und Auskommensspiele auf hohem Risiko, die Bevölkerungen haften für die fahrlässig agierenden Eliten. Jeder weiß das. Kommt jemand mit einem Ismus um die Ecke, sieht man die Menschen fliehen. Plötzlich gibt es wie in einem historischen Flashback nur noch Rechte und Linke, selbst im Denken ansonsten vernünftiger Typen. Daß es überhaupt gelungen ist, solche Archetypen der Zeitgeschichte zu entmumifizieren und als Untote durch aktuelle Debatten und Diskurse gespenstern zu lassen, macht stutzig. Man müßte an Dämonen glauben, wollte man solchen Budenzauber als Wirklichkeit anerkennen. Daß die vereinigten Zivilisationen von Gaia ihren selbstverschuldeten Untergang als Satire veranstalten möchten, nimmt dagegen nicht wunder.
Café Chagall, ich denke an Wolfgang Hilbig
Es war ein farbenschöner Nachmittag mit einer gewissen Tageswärme. Vor den Cafés und den Restaurants saßen Gäste an Tischen, blinzelten ins Licht der hinter den Häusern der westlichen Straßenseite verschwindenden Sonne oder trugen dunkle Brillen. Tischgespräche über dies und das und wer macht was. Passanten zogen vorbei, ließen Satzfetzen zurück. Absolut, sagte eine Frau am Nebentisch. Und dann ein zweites und ein drittes Mal absolut. Die zum Platz sich weitende Allee gab zu sehen und zu hören. Mopeds knatterten, Autofahrer drückten auf die Hupe, Fahrradfahrer klingelten sich den Weg frei. Unter dem Pflaster vibrierte in regelmäßigen Abständen die Untergrundbahn und sandte ein leises Beben, das belebend in den Körper fuhr.
Eins und eins 2
Damit ist das gewaltige Thema seiner Natur gemäß bestenfalls angepustet. Es füllt Bibliotheken, gibt Anlaß zu Sorge, Spott und Hoffnung. Spätestens mit Eintritt der Pubertät streben die Geschlechter zueinander, nachdem sie zuvor nebeneinander existierten in fast schon getrennten Sphären. Daß Jungens oder Mädchen doof sind, ist bis dahin einigermaßen klar. (Bei mir war es anders, mich faszinierten die Anderen von Anbeginn.) Endlich führt dieses Zueinanderstreben zu Paarverbindungen, die sich anfangs lose ergeben, später fester und fester knüpfen. In solcher Verbindung, ob lose oder fest, macht man Erfahrungen, insofern auch oder sogar, daß aus Fehlern gelernt werde. Kaum jemand verbindet sich nur ein einziges Mal, das gab es früher oder soll es gegeben haben. Der Romantiker ist dafür, der Realist schaut skeptisch. Paarsein ist, was sich ergibt, wenn zwei miteinander sein mögen. Es ist jedoch noch sehr viel mehr. Manche bekommen es diesbezüglich mit Angst und suchen das Weite. Wer könnte das nicht verstehen?
Eins und eins
Paare. Was machen die eigentlich? Sie teilen Tisch und Bett, heißt es. Das ist redlich. In der Nacht ist der Mensch nicht gern allein und gemeinsam schmeckt die Mahlzeit besser. Auch läßt sich gut streiten und wiederkehrend feststellen, daß Menschen sich nicht ändern. Manchmal wird der Gesprächsstoff knapp nach Jahren oder Jahrzehnten. Manchmal sitzen sie nebeneinander und wissen auch nicht weiter. Besser allemal als allein zu sein. Der Mensch als paar- und gruppenbildendes Wesen, zudem sich seiner Lage auch noch bewußt. Paare sind für Kinder da, doch es gibt sie auch ohne. Haustiere und Hobbys, Garten und Geräte, Reisen und Kultur. Liebe ist eine unendliche Ressource, doch man darf sie nicht wollen. Wenn Menschen einander zu besitzen trachten, ist sie die erste, die fort ist. (Und auch das ist noch reichlich idealistisch gedacht.)