Hier ist es still. Zwei Kerzenflammen geben Licht. Auf dem Bildschirm sehe ich Navajos, die darum kämpfen, daß ihre Rechte in den Vereinigten Staaten von Indien nicht verletzt werden. Nur filmisch, nur eine Serie, weit von hier entstanden, weit entfernt von hier gefilmt. Ich kann nicht eingreifen, obgleich ich es möchte. Die Serie heißt Dark Winds, Robert Redford hat seinen Namen als Produzent dazugegeben, sie leistet Wiedergutmachung. Zwar ist nichts wieder gut zu machen, doch ohne solche Versuche wäre man vollends moralisch pleite. Wir hier in Deutschland kennen das gut.
Autor: Holger Tegtmeyer
Federweiß
Noch gibt es den Federweißen zu erwerben und zu genießen, den teilweise gegorenen Traubenmost. Er schmeckt köstlich und macht übermütig. Während er zu Kopf steigt: ein Erntedank dem vergangenen Sommer: der Erde, der Sonne, dem Regen. Der junge Wein ist wild wie das Leben und mit Vorsicht zu genießen. Doch wie kann man vorsichtig sein, wenn man das Leben mag. Der Körper weiß als erstes, was los ist. Das Bewußtsein mag folgen.
Hier ist der Platz für Ihre persönlichen Gegenstände
Ach, die Tage sind nicht übel. Ihnen gebührt nicht die Schuld. Auch die Verhältnisse sind nicht übler als noch vor ein paar Wochen. Die Werbeleute sagen, man soll Nicht-Sätze und Negationen meiden, der Kunde könne sie sich nicht merken, es bliebe vielmehr merken. Ah, wir sind schlau. Die Tage sind recht gut, an ihnen ist wenig auszusetzen. Auch die Verhältnisse sind weiterhin annehmbar, auch wenn es vor einigen Wochen anders aussah. Zurück zu den neuesten Tagen eines Lebens, das sich beruhigt, indem es bekundet. Mir selbst ist solches Tun verdächtig, doch ich kann es derzeit nicht lassen. Jemand aus dem Nebel behauptet, ich sei süchtig. Nun, das gäbe Halt. Fast schon halb drei, Sie müssen doch schlafen. Im Heim wird gut für uns gesorgt, ein Lob ans Personal.
Herz und Kopf
Dunkle Winde
Vorerst
Vollmond ist erst Dienstag. Noch ist Montag. Montag ist Mondtag, das kommt sich erfreulich nah. Jeder kennt die Launen des Mondes und deren Wirkung auf das ansonsten selbstbestimmte Ich. Eine Bestimmung sei erwünscht in anderer Hinsicht. In welcher, ist zu fragen. Ansonsten Schwamm drüber, jedes denkende Wesen benötigt Bestätigung außerhalb sonstwelcher Reglements und büchst auch aus. Zum Glück. Die Eigentlichkeiten sind unergründet, das allein macht Hoffnung.
Über den Kopf streichen
Das Leben muß sich durchwehen, und mit Wehen ist der Schmerz bezeichnet, nicht der Wind. Die Wehschmerzen des Lebens, nicht erst mit der Geburt. Vorher schon, später vielmals. Man müßte eine Geschichte des Schmerzes schreiben, meinte man es mit dem individuellen Menschen ernst, solcherart auch mit sich selbst. Aber dürfen wir uns selbst denn überhaupt ernstnehmen: also ernst nehmen? Wie soll ich mich sonst nehmen: als Jux, als Tollerei, als Idiotie? Dies ist der Ernstfall, dies ist mein Auftritt – wenngleich … Wenngleich läßt die Türen offen. Wir wissen wenig, wir behaupten viel.
Dies zum Spagat
Es ist ein bißchen frustrierend, deshalb halte ich mich zurück. Da sagen Leute ‚Gott‘, beispielsweise, und sie haben kaum eine Idee, was das sein könnte. Ähnlich ergeht es mit ‚Frieden‘ oder ‚Liebe‘ oder ‚Geschlecht‘ oder ‚Demokratie‘ oder ‚Sehnsucht‘ oder ‚Kapitalismus‘. Gähnendes Fragen, große Augen. Immerhin dies. Generationen geraten unter die Räder, doch die Einzelnen zählen? Ich würde den Anwurf gegen die Etablierten führen, denn sie bereits wissen nicht eigentlich, was solche Begriffe greifen könnten. Sie geben sich einvernehmlich, ich bin Zeuge. Meiner Erinnerung nach gab es keine goldene Zeit des Wissens. Hätte es sie gegeben, müßte ich bekennen, sie verpaßt zu haben. Auch mir kamen die Alten mit ihrem sogenannten humanistischen Wissen, nur daß sie (wie auch ich) wußten, daß ihr gesalbtes Wissen nicht mehr verhindern konnte, daß Fürchterliches geschah.
Leute, die mir fehlen
Hoher Einsatz, gutes Spiel. Zu Köln lesen wir bei Heinrich Böll oder Rolf Dieter Brinkmann nach. Die Frage lautet, was hier los ist. Was war los, was hätte sein können? Uninteressant. Geschichte stampft weiter und zermalmt die Besten. Böll wurde alt, Brinkmann geriet ortsfremd und auf Rechtsverkehr gedrillt vor ein Auto. Ewiges Leben den Toten. Im Verwirrspiel der präsentierten Gegenwarten und der als Aktualität gepoppten Wirklichdringlichkeiten versteht sich das aus solcher Überaktivität entlassene Ich als Erkenntnissubjekt und vermag souverän zu handeln. Was denn sonst, Ihr Lieben. Blöd sind wir nur, wenn wir so tun.