Wer schickt wen und wohin

Seltsame Zeit, in der ich lebe. Der letzte Sommer in Frieden, orakelt ein Militärhistoriker, mit dem ich mich gern einmal unterhalten möchte. Er fügt sicherheitshalber ein ‚vielleicht‘ an, so kann seinem Renommee nichts geschehen, selbst wenn es der vorletzte wäre. Ehrgeiz macht verwegen, wer kennt das nicht. Vielleicht erfolgt der Ernstfall später, denn er müßte doch erfolgen. Das Jahr 2029 wurde ins Spiel gebracht, als wollte man dem Gegner signalisieren, bitte greife vorher an. Mit solchen Machtknilchen haben wir es zu tun, es ist beschämend. Sie fummeln herum am Frieden, als sei er/sie eine lustige Fiktion oder eine Selbstbefriedigungspuppe. Ich meine die Herren in Ost und West und zudem die beteiligten Damen. Die Überschrift ist keine Frage, es müssen später noch die Namen eingefügt werden. So läuft Militär, so funktioniert Kriegseinsatz. Dies den Besoffenen zugeeignet. Geschichte wird gemacht.

Wer schickt wen und wohin

Er läge weit zurück

So bedeutet: wie bisher, wie gehabt, auf die herkömmliche Weise. Wenn es nicht mehr weitergeht, bleibt man stehen, das ist normal. Manche kehren um, versuchen an den Ausgangspunkt zu gelangen. Es gibt aber keinen Ausgangspunkt für das eigene Leben. Irgendwann gibt es nicht mal mehr ein Elternhaus, dann muß man sich ganz allein und selbst beherbergen. Das ist das Schwerste, mag es scheinen. Ach, es gibt viel Schweres auf dem langen Weg. Immerhin ist der lange Weg kein Marsch. Ich würde sonst schmutzige Lieder singen oder müßte dauernd austreten. So geht es nicht weiter. Da ist es gut, in sich eine Mitte zu finden. Gefaßt tastet man sich weiter entlang ungewisser Zeichen ins Dunkel der Zukunft.

Er läge weit zurück

Pflastersteine

Manchmal geht es so nicht weiter. Vorn ist die Straße versperrt, da steht neuerdings eine Mauer, und ich habe keine Leiter dabei. Hinten qualmt es, da verbrennt was. Die Seitenstraße sind verschwunden, Geisterhand. Die Hauseingänge sind verschlossen, die Klingelschilder abmontiert. Der vierstellige Eingangscode scheint falsch zu sein. Die Hände zittern, das Herz rast. Die Hand faßt nach dem Schlüsselbund mit den noch nicht nutzlosen Schlüsseln, Stichwaffe. Niemand greift an. Der Mörder gehe weiter. Atemzüge, einer nach dem anderen. Über dem langgezogenen Rechteck der Straßengruft lastet ein schwarzgrauer Himmel in der vollen Pracht seiner Düsternis. Eine Straßenlaterne blinkt, die anderen sind aus. Noch Stunden bis zur Müllabfuhr.

Pflastersteine

Warten lohnt sich

Es ist Nacht, der Mond nimmt zu, hängt schräg über den Häusern. Tag der deutschen Einheit, man hört gähnen und stöhnen: immer noch oder schon wieder. Wenig Begeisterung im Land, dennoch treten Redner ans Pult. Solches Sprechen absolvieren zu können (müssen) gehört zur Job-Beschreibung der Akteure. Aber Deutschland ist ein Kind aus der Landeslotterie des Weltverbandes für unterdrückte Wünsche. Man zahlt dort ein und läßt die Lostrommel kreisen, und eines fernen Tages jenseits der Mauern der Zeit wird es einen Staat Kurdistan geben, ein geeintes Korea und sonstwas noch, womit die Probleme nicht enden.

Warten lohnt sich

Die Kapuze über der Kapuze

Was soll das sein – Literatur. Literatur sind Buchstaben, aufgestellt in langen Reihen. Jemand der lebt, hat sie aufgestellt. Vielleicht ist er auch schon tot. Jemand der lebt, liest sie. Tote Buchstaben zu Leben erwecken, das heißt lesen. Leben zu toten Buchstaben aufstellen, wie Grabsteine, das heißt schreiben. Endlose Grabreihen auf unzähligen Friedhöfen. Zwischen den Reihen äsen Rehe, Farnkraut wuchert, und ich wäre jetzt gern in Wien. Ich lese eigene Grabsteinreihen, fühle sie kalt und tot. Lust, mit einer Bohrmaschine ein Loch in einen dieser Steine zu fauchen und durch die entstandene Lochöffnung auf die Friedhofshecke zu schauen, ob ich da ein Nest entdecke.

Die Kapuze über der Kapuze

Dicht gepackt

Auch gehe ich davon aus, daß mein Leben ein Exempel ist.

Exempel: das aus einer Menge gleichartiger Dinge Herausgenommene. Daraus wird dann sprachgeschichtlich Muster, Vorbild, Beispiel.

Für wen denn? wäre zu fragen. Nun, das weiß ich nicht, doch immerhin für mich selbst. Ich lerne mich kennen, indem ich lebe.

Ich soll ganz ich selbst werden, das unterstelle ich. Sonst wäre es sinnlos, daß es mich gibt. Da ich jedoch existiere, werde ich „suchend streben“, was es damit auf sich haben mag.

Ein Leben ergibt sich aus dem, was man tut und was man unterläßt. Ich bin bezüglich meines weiteren Weges neugierig. Was mag mir noch geboten werden? Es war ja schon eine ganze Menge zu verstehen.

Früher warf man mir vor, ich sei unersättlich. Ja, ich mag es, Menschen kennenzulernen und zu ergründen. Manchmal unterstelle ich: Das kann doch nicht alles sein. Dieser Mensch ist für mehr gemacht.

Zudem gefällt es mir, einen Beobachterstandpunkt zu imaginieren, von dem aus das Leben sich anders darstellt. Es könnte betrachtet werden aus der Sicht eines Tragödien-, ein Komödiendichter. Daß man aus solcher Perspektive über mich lacht, käme mir recht.

Daß ich die Hauptfigur in einem Spielfilm bin, dessen Co-Regisseur ich bin, leuchtet mir gleichfalls ein. Keinesfalls kann ich alles im Griff haben. In jedem Fall geht es um ein Leben.

Dicht gepackt

Daß es gut ist

Daß es gut ist, wie es ist. Jedoch nicht in einem vordergründig sachlich-moralischen oder gebunden religiösen Sinn, sondern größer. In einem unmanipulierten Sinn, an den die Lebendigen kraft ihres Geistes selten reichen.

Man versteht den Anfang einer Geschichte erst, wenn man ihr Ende kennt. Niemand kennt das Ende des individuellen Lebens außer jenen, die offenbar nicht mehr reden.

Mit sogenannter Esoterik ist diesbezüglich nichts zu holen, wenngleich der Glaube Berge zu versetzen meint.

Daß es gut ist, wie es ist – was kann das sinnvoll bedeuten? Es bedeutet, daß die lebendigen Kräfte sich in ein Verhältnis setzen. Es bedeutet: Von nichts kommt nichts. Es bedeutet: Die Verhältnisse sind das Ergebnis dessen, was geschehen ist. Was ist denn geschehen? Nun, wir haben es doch erlebt. Das Ergebnis mag nicht „gut“ sein – vordergründig moralisch oder religiös. Doch es ist zuverlässig vorhanden, in solchem Sinne sogar objektiv, und steht dem erkennenden Verstehen zu.

Selbst wenn die Dinge oder Verhältnisse „nicht in Ordnung sind“, befinden sie sich in der Ordnung des Ganzen. Sie unterliegen den großen Gesetzen. Die kleineren Gesetze sind solche der Menschen.

Daß es gut ist

Mit ausgebreiteten Schwingen

Es war früher nicht anders: dauernd ist Mitternacht. Noch ein paar köstliche Minuten 29. September 2025, bevor auch dieser Tag vergangen sein darf. Ich war heute essen, besuchte ein Fischrestaurant. Es gab Wolfsbarsch, die Gräten waren lästig, doch es schmeckte köstlich. Während ich aß, geriet ich in eine Traurigkeit. Ich kann hier fremd sein, manchmal gefällt mir das. Am Himmel stand nachmittags über dem Großen Feld eine Wolke in T-Form. T wie Tod. Ich weiß, wer gegen wen kämpfen wird, wenn es ernst wird. Mir wäre lieb, wir ließen es.

Mit ausgebreiteten Schwingen

Regenpfützen, Ölschlieren

Vermutlich stammt die Ellipse aus einem Film. Ich höre sie im Kopf an Tagen, an denen nichts wird und wenig ist. „Game over, Freundchen.“ Hämisch gesprochen, die Stimme aber künstlich wie die eines Sprechautomaten minderer Qualität, damals in den Siebzigern, ein Horrorfilm. Automaten-Casino, blinkende Lichter, lockendes Geld. Game over, Freundchen. Du hast es kommen sehen, bist nicht überrascht, nicht ernsthaft überrascht. Zieh den Kopf ein, sonst wird er abgeschlagen. Du weißt, was du bist. Geh schnell nach Haus.

Regenpfützen, Ölschlieren

Eine Folge von Deckenlichtern

Blick in einen Krankenhausflur: die lange Flucht der Türen, die abgestellten technischen Geräte auf Rollen, das eilige Fachpersonal. Willkommen in der Körperreparaturwerkstatt. An den kahlen Wänden sind in Abschürfhöhe stoßfeste Wandschutzelemente angebracht, die desinfektionsmittelbeständig sind. Sie geben dem Auge perspektivisch Geleit. Dort ganz hinten ist das Ende des Flurs, da befindet sich eine Glasscheibe, auf die sind schwarze Vögel geklebt.

Eine Folge von Deckenlichtern