Autor: Holger Tegtmeyer
„Hab‘ mein kleines Gesicht kaum erkannt“
Die Verhältnisse treiben in die Enge. Sie tun das solange, bis man unter sich ist. Selbstgespräch der Überzeugten. Ist es nicht schön hier? Solch äußere Enge korrespondiert der inneren. Gedanken bleiben ausgesperrt, sie sorgen für Ungemach. Warum grüßt der Nachbar so schräg? Beziehungen werden mürbe, niemand schwimmt sonderlich weit hinaus. Ein bißchen Wind, schon ist Sturmwarnung. Blick in die saubere Badewanne: Wir sind besetzt und umstellt von Göttern. Sie sind die Leit- und Führungsgrößen des individuellen und kollektiven Lebens. Die Badewanne ist zu kurz für einen Erwachsenen, man kann einen Hund darin abduschen. Der Morgen hat gut begonnen, ich habe die Fäden langgezogen, an denen mein Denken hängt, auch genug vom Angstkuscheln.
Unaustauschbar
Frei geboren – so hieß das einmal. Rousseau nahm an, daß dem so sei, und in den Sechzigern und Siebzigern bezeugten es die Filme der Joy Adamson über die Löwin Elsa. Schließlich werden auch die Menschentiere eingehegt und abgerichtet zu dienstbarem Tun. Die Idee eines ursprünglichen Freiseins kann ich aus Kindheitsgefühlen bezeugen, wenngleich sämtliche Einwände zutreffen. Es handelt sich lediglich um Gefühle … Vielleicht sollte von Wildheit die Rede sein, von einem durchaus eigenen Leben vor Zähmung und Dressur. Dauernd ist die Rede von Sozialisation. Mich interessiert die Individuation und was es mit ihr auf sich haben mag. Manche fühlen sich meistens gleich, sagen sie jedenfalls. Mir gelingt das nicht. Ich habe nicht zu zwei Menschen annähernd ähnliche Gefühle. Jeder einzelne wirkt auf eigene Weise. So soll es doch sein, denke ich.
Ermutigung
Singsang 2
Müde, müde, müde. Müde vom Ausharren, müde vom Nichtstun. Müde vom Pseudotun, müde vom traumlosen Schlaf. Müde vom Informiertsein, müde vom Namenwissen, müde vom Alarmiertsein. Müde vom Kaffee, müde vom Palaver, müde vom Engagement der Engagierten. Müde vom Zynismus, müde vom Gutseinspielenmüssen, müde vom Müdesein. Müde von der Entgeisterung, müde von Wörtern, die auf -ismus enden. Müde vom Denken in Sprache, müde vom Sprechen ohne Denken. Müde vom Karneval, müde vom Karussell, müde von der Angst. Müde vom Aus-dem-Fenster-Blicken, müde vom Leben wie bisher, müde vom Wohlstand als kostspieliges Überangebot. Müde von Hinweisen, daß ich dankbar sein soll. Müde vom Kitzel, müde vom Spektakel, müde vom Sinnangebot. Müde, müde, müde.
Himbeere
Dieses Tosen in mir. Wie von Anbeginn. Niemand konnte mich beruhigen. Was zeigt es denn an und für wen? Mich interessiert Erkenntnistheorie, denn ich lebe in Erkenntispraxis. Vielleicht kann sie mich erheben. Auch andere Deutungen meines Wesens sind mir willkommen. Mir ist feierlich zumute, denke ich an das Eintreffen der illustren Gäste. Ich höre den Springbrunnen und das Scharren der Hufe. Es könnte spät werden. Unter den Perücken wird es heiß. Zum Glück wird Speiseeis gereicht.
Lassowerfen
Ich kann nun auch nicht mehr die Bands zu Hilfe rufen. Niemand soll für mich einspringen. Ich habe den Musik-Missionar in mir erdrosselt. Soll doch jeder seine eigene Melodie finden und nach ihr pfeifen, hüpfen, folgsam sein. Herrgott, diese Ferien. Daß sie einen derart verderben, ahnte ich nur. Munter weiter, flöte ich mir zu. Wer weiß, wo das endet. Todsicher nennt man einen Tipp, der Gewinn verspricht.
Wünschen
Es ist spät. Wir sprechen über die Jahre der keine Lust. Jeweils hört niemand zu, es bleibt, wie es war. Als Frontschwein könnte ich was sagen, doch da es irgendein intaktes Bild zu stören scheint, mag ich verzichten. Ich erlerne politische Existenz neu. So war es früher nie, womit das Frühere nicht im Umkehrschluß aufgewertet zu werden verdient. Die Verhältnisse waren stets bescheiden bis beschissen, ich entstamme keiner goldenen Zeit. Gold auf Gips, so baute man Berlin. Hier fühle ich mich halbwegs wohl. In der Weite der Landschaften weiter draußen sind die hiesigen Themen leeres Stroh. Der Eber bespringt die Sau, im Garten wartet der Grünkohl auf den Frost.
Ich singe deinen Namen
Bereits der Beginn stört mich. Leben beginnt nicht, es ist immer schon da. Am Anfang war die Idee, daß es einen geben müsse. Die Wörter stehen mir im Weg wie Koffer oder schlimmer noch: Schränke. Ich erlebe einen Menschen und bin seit Jahrhunderten das erste Mal wieder erleichtert. Das kleinteilige Rechthaben hat mich in Stückchen zerhäckselt, ich mache nicht länger mit. Ich bin auch die Notpressungen leid, die ich mir wie klamme Fürze nachts noch aus dem Loch drücke, hierzulande. Ich benötige eine neue Aussicht und bin schlimmstens bereit fürs Scheitern. Draußen knackt es, irgendwer streicht ums Haus. Auch die Banditen sind Teil der Schöpfung, insbesondere sie. Wenn schon, denn schon.
Aus dem Zusammenhang 362
„Digitalisierung ist das Versprechen, alles zu wissen, ohne etwas zu verstehen, und alles zu können und beeinflussen zu können, ohne etwas gelernt zu haben. Beherrscht werden muss nur die formale Interaktion mit den Algorithmen. Dann breitet sich vor allen und jedem ein Leben ohne Mühen, Widerstände und unbequeme Zufälle aus. Im allgemeinen Datenfluss, der so präzise, unideologisch und sensibel vorausschauend ist, dass er sich niemals irrt, braucht man nur noch komfortabel mitzufließen. Verantwortung muss niemand mehr übernehmen.“
Katja Leyhausen, Gesellschaft der Übergriffe [über Eric Sadin], Multipolar-Magazin, 12.9.2025