Last der Schritte

Beim Gehen, das zum Wandern taugt, hat jeder seine eigene Art, die Schritte zu setzen. Wer seine noch nicht kennt, lernt sie kennen, wenn er wandert. Das Gepäck bestimmt die geltende Last des Körpers und die Schwere der Schritte. Die Füße spüren es vor den Beinen und bilden Druckblasen. Man kann sie aufstechen, dann läuft die Flüssigkeit heraus. Die ersten Tage des Wanderns sind mitunter eine Qual. Später gibt sich das. Wir sind Läufer von Anbeginn. Schon habe ich Lust, erneut aufzubrechen. Vokale tauschen.

Last der Schritte

Pro Tag dreißig Kilometer

Die Straßen sind lang, staubig, oft genug laut. Der Wanderer wird sie meiden. Die Straßen, wie wir sie kennen, sind für die Automobile bestimmt. Die Leute, die ich kenne, sind eher Autofahrer als Wanderer, einige sind gern mit dem Fahrrad unterwegs, selten jedoch längere Strecken. Ein Wanderer bevorzugt die Wege und Pfade, sie zu finden bedarf es guter Karten. Eine Wanderkarte zu lesen ist keine Kleinigkeit.* Nicht immer zeigt die Sonne, wo sie steht. Schon sind die Himmelsrichtungen in Gefahr. Einen Kompaß mit sich zu führen ist nicht selbstverständlich. Irrwege werden mit dem Schmerz der Schritte bezahlt. So lernt sich Respekt.

*Nicht minder die Darstellungen von Google Maps. In der Prärie verwischen die Genauigkeiten.

Pro Tag dreißig Kilometer

Episode

Sie betritt das Hotelzimmer, bugsiert den schwarzen Rollkoffer herein, setzt sich auf das Bett, sieht sich um. Hier ist sie gelandet, so springt man neuerdings mit ihr um. An wen sich nun wenden, da sie ausgebootet wurde? Der Schlüssel zum Apartment paßt nicht, das Schloß wurde ausgetauscht, sie besitzt nichts außer dem, was sie an sich trägt. Die Kreditkarten sind noch eine Weile belastbar. Das Hotel mag schäbig sein. Immerhin regnet es nicht hinein. Es hätte schlimmer kommen können. Vor dem Spiegel stellen sich Fragen, nicht allein die falschen.

Episode

Leise ausatmen

Wer eine Reise unternimmt, muß geben. Die Fremde nimmt. Mit Geld ist das nicht abzugelten. Endlich ist man dort. Schon soll es weitergehen. Fahren wir noch dorthin am liebsten. So ergibt sich kein Ankommen. Fortgerissen aus dem Hier und Jetzt. Ein Erobern und Ergreifen bemächtigt sich des Gastes, der schließlich nicht umsonst dort gewesen sein möchte, wo es zu sehen und zu erleben gilt. Daher ein bäuerliches Plädoyer für das Ausharren, das langsame und bedächtige Erkunden der Lage, um von solcher Basis aufzubrechen zu weiteren Orten eines vollständigeren Bildes. Nicht fressen wollen, wenn sich essen läßt.

Leise ausatmen

Nihilistisches Spektakel

Es muß eine Nacht geben, in der man alles sagt. Es hat solche Nacht gegeben, ich weiß es. Nein, die Welt zerbricht nicht, springt nicht in Stücke, wenn jemand den Mut faßt, einmal alles zu sagen. (Henry Miller hat das vermutet; Nietzsche hat es erhofft.) Die sogenannte Welt ist ein biegsames und elastisches Ding, nahezu unzerstörbar, auch wenn ein großer dummer Krieg angefangen zu haben scheint. Sie, die sogenannten Eliten, werden ihre Tränen zu weinen haben und Reuebekundungen absondern, ein paar Jahre später. Reue ist gekoppelt ans Mißlingen. Bevor etwas mißlingt, muß es begonnen und durchgezogen werden. Die Idioten besorgen das zuverlässig. Die Ahnungslosen sind geborgen, bis es kracht. Die Konflikte sind systemisch. Da das Wort nicht verstanden wird, agiert man systematisch. Hier lebt sich wie auf Abruf. Die Jungen sollen marschieren, sich erschießen lassen auf den Feldern der Ehre. Wer wen bekämpft, scheint vordergründig klar. Schaut man hinter die Kulissen, erkennt man leichtens die Verbindung der Symptomträger in Ost und West, also den Wahn- und Widersinn der Konfrontation auf einen Nichtspunkt zu. Gekettet an Erinnerungen, Geschichten und Vermächtnisse des Todes.

Nihilistisches Spektakel

Wir leben hier

Es hat seine Temperatur, die Straße kocht nicht. Ich muß hinunter zum Platz. Dort entzündet sich das Leben und quetscht sich in die Kanäle. Ich finde den Einstieg, weiß schon, wo ich bin, habe alles dabei. Schon wieder sind da menschliche Körper, unaufhörlich wieseln sie sich durch. Katinka sagte, das seien Untote. Man müßte sie filmen für eine Nachwelt. Nachrichten rieseln trübe aus den Gefäßen. Das Fahrzeug vibriert leise. Wo auszusteigen ist, weiß der gelenkte Körper. Mein Verstand sitzt auf ihm wie ein Zaungast. Habe ich hier immer schon so gelebt, so strängig, so gängig, so berechenbar in festen Zeiten und Längen und Breiten? Die Treppen hinauf, die Treppen hinunter. Musik hilft nicht. Texte zerflirren. Ich bin nicht bei Verstand. Schalte um auf Routine, die greift und hält. Ich weiß, wohin ich muß – weiß auch, wohin ich soll. Schreibe an die Wand das Wort Dilemma.

Wir leben hier

Alle Tage ohne Höhe

Der Alltag, der einer der Arbeit ist, zahnt sich fest. Ich soll zweckmäßige Gedanken fassen und pflegen. Pflichtschuldig gähne ich ab zehn Uhr und strebe zu Bett, daß mich der Ekel befällt. Wenn mich jemand zerbricht, dann bin ich es selbst. Das ist ein Schwur. Die Verhältnisse sind auf die Schwächung des Einzelnen ausgelegt, bis er sich isoliert und hoffnungslos wie von selbst ergibt. Dahinter und darunter stampft die Ökonomie; sie zu leugnen kommt einem Todesurteil gleich. Bloßes Geld garantiert niemandes Würde, wir erhalten das anhand der sogenannten Reichen anschaulich. Die Quantitativen streben ins Qualitative, doch der Übersprung bleibt aus. Es gibt keine herrschende Schicht. Dekadenz ist verlorene Höhe. Man fummelt noch in Manieren, bevor es brutal wird. Wir werden was erleben, haben dafür stattlich gezahlt.

Alle Tage ohne Höhe

Deshalb so langsam

Im Blick der Alten sehe ich, daß sie kaum mehr hier sind. Sie gespenstern sonstwo herum, suchen noch und ewig nach den Vermißten und Geliebten. Was ist dieses Leben, wenn es derart unwirklich scheint? Vielleicht doch bloß eine Täuschung, eine Chimäre (Trugbild). Was befände sich hinter dem anerkannt fleißig und faktisch beglaubigten Wirrwarr des Sinnentrugs, und: Tasten die Alten danach, mögen sie es fassen oder schrecken sie zurück? Ihnen erscheint das eigene Leben schon als ein Wunder, unwirklich, wie es nun allmählich wird, unglaubwürdig sogar. Als hätte man gar nicht gelebt, als könnte es einen selbst nicht oder kaum gegeben haben. Bereits ich gerate in die Nähe solcher Schleusengedanken, ich bin meistens zu früh.

Deshalb so langsam