Austragungsort

Niemand möchte über Politik sprechen. Man schaut betreten sonstwohin und wartet, bis es vorbei ist. Wir sind erschöpft und gegeneinander ausgespielt k.o. Politik zieht Fäden, Politik ist fade. Man kommt dort nicht mehr weiter. Politik ödet an, nachdem sie zuvor noch aufzuregen schien (niemals anzuregen). Die Themen sind abgebrannt wie ein Silvesterfeuerwerk am ersten Neujahrstag. Die Überlebenden hängen groggy in den Seilen. In alle mir möglichen Richtungen schauend erkenne ich ancien régime, ein gemeinschaftliches Abgewirtschaftethaben in Ost und West. Es deutete sich in den Nullerjahren an, damals irgendwann schrieb ich das ins Tagebuch. Ich schrieb auch: Wir haben ein offenkundiges Elitenproblem. Dies sei hinzugefügt: Es gibt auch keine Alternative für Deutschland (oder für Europa). Ich erkenne nur Symptomträger. Das aktiviert mein Mitgefühl, erneut in alle mir erkennbaren Richtungen ausströmend. Derweil dreschen sie aufeinander ein und spielen einen Krieg, den sie angeblich vermeiden wollten. Was denn nun?

Austragungsort

Heute war ein

Heute war ein schöner Tag in Berlin. Ja, heute war ein schöner Tag in Berlin. Das sagten die Gäste am Nebentisch, sie sagten es mehr als zweimal. (Der Sommer ist zurück, wie zuvor gesagt wurde. Als sei er jemals fort. Irgendwo auf Erden ist immer Sommer.) Heute war ein schöner Tag in Berlin, alle haben gelächelt. Die Anspannung schwindet, ein Leuchten in den Augen und ein Leben, das zu leben sich gefällt. Die Leute am Nachbartisch sagten Unna, Hagen, Lemgo, später noch Hamm. Da ist Lünen nicht weit. Ich achte darauf, wer wann was sagt und welche Idee wieder auftaucht, nachdem sie jahrelang abgetaucht oder untergegangen zu sein schien. Stelle ich mir vor, welche Wünsche, Ideen, Informationen durch die Luft schwirren und auf Empfang hoffen, werde ich schwindlig und bete das Universum an, überfordert und erstaunt.

Heute war ein

Die Unaufgeregtheit

Warum ist es machmal so schwer, sich selbst zur Ruhe zu bringen? „Hier was, da was“, hätte der Bauerngroßvater auf Plattdeutsch gesagt. Das nervöse Gehirn fühlt sich hierhin und dorthin aufgefordert, gereizt von den Sinnen und ihrem vielfältigen Bemerken.

Hier müßte doch mal gefegt werden, sieh doch: all das trockene Laub, noch vom letzten Jahr, wer macht das denn weg? Der Wind streicht ein, nachher wirst du deinen Kapuzenpulli brauchen. Seit wann nennen den eigentlich alle Hoodie? Sieh doch schnell mal nach. Hörst du die Stimme der Nachbarin – in welcher Sprache spricht sie? Wasser aus einer Plasteflasche oder Plastikflasche soll nicht gut sein, denk doch bitte daran, demnächst wieder solches aus der Glasflasche zu kaufen, selbst wenn die schwerer ist. Eine Nachricht ist eingetroffen, willst du nicht nachsehen, wer die geschrieben hat und was sie besagt?

Durch die Häuserlücken dringen Sirenengeräusche in den Hinterhof. Ich sitze im Garten unter Laub und Rosen. In der Küche wäscht die Waschmaschine. Gestern sah ich einen Waschmaschinenverkäufer in Montana im Jahre 1923. Die Duttons reiten mit Pferden oder fahren mit der Pferdekutsche in die Stadt, während um sie herum bereits der Automobilverkehr braust und hupt. Ein Hund kläfft, einer dieser kleinen Jiffel, die einem nicht einmal bis ans Knie reichen, dafür in die Handtasche passen oder ins Handschuhfach. (Das Wort Jiffel verdanke ich D, die gestern Geburtstag hatte. Ebenso das Wort Pitzelwasser für Sprudel.)

Beim Schreiben oder durch das Schreiben kann ich mich beruhigen. Gestern saß ich am Rande eines Biergartens, trank ein Helles und schrieb ins Tagebuch. Da landete vor mir im Abstand einer Armlänge eine Krähe auf dem Tisch und sah zu. Krähen wollen ständig lernen. Der Hund am Nachbartisch ärgerte sich, er riß an der Leine und bellte. Dadurch verschüttete sein Besitzer das Bier und schimpfte: „Was ist denn nun schon wieder los?“ Ich erklärte es. „Hier saß eine Krähe auf dem Tisch, mich hat sie auch erschreckt.“

Meditation findet statt, wenn der Geist das Gehirn zur Ruhe bringt. Es kann dauern, bis es endlich schweigt. Das Hirn ist unser vorlautestes Organ. Da es die Wirklichkeit nicht nur nachbildet, sondern auch konstruiert, empfindet es Stolz und Allzuständigkeit. Meditation ist auch der Übergang in reines Bemerken – ohne zu bewerten. Auch ohne Nähe oder Ferne herstellen zu wollen. Ich bin nicht der Wind, aber ich spüre ihn. Ich bin nicht mein Gefühl, doch ich bemerke es. Ich möchte diesen Beitrag Die Unaufgeregtheit nennen.

Die Unaufgeregtheit

Aus dem Zusammenhang 359

„Meine Utopie ist also eine stille Allianz zwischen moderaten Konservativen, die das Tagesgeschäft steuern, und einer leninistischen Elite, die uns auf den bevorstehenden Zusammenbruch vorbereitet – doch ich weiß genau, dass beide Akteure heute zunehmend von der politischen Bühne verschwinden. Die moderaten Konservativen werden von den Trump-Populisten hinweggefegt, während das, was von der radikalen Linken übrig geblieben ist, in einem trügerischen pazifistischen Utopismus gefangen ist. Selbst wenn dieser verrückte Traum allzu utopisch ist – was sollten wir also tun? Meine Antwort lautet: prinzipientreuer Pragmatismus. Wir müssen uns auf zentrale Ziele konzentrieren, die unser Überleben sichern, und dabei ist alles erlaubt, was diesen Zielen dient – Demokratie, wenn sie funktioniert; autoritäre staatliche Kontrolle, wenn sie notwendig ist, Volksmobilisierung, wenn sie gebraucht wird, sogar ein gewisses Maß an Terror, wenn die Lage wirklich verzweifelt ist.“

Slavoj Zizek, Berliner Zeitung v. 5.8.2025

Aus dem Zusammenhang 359